Viele Menschen aus der Finanzbranche hätten aus der Finanzkrise lediglich gelernt, dass es sich lohne, Moral Hazard zu betreiben, also rücksichtsloses Verhalten zulasten Anderer durchzusetzen, sagt Karl-Heinz Thielmann, Vorstand des Research-Hauses Long-Term Investing. Ein Hauptgrund für den Erfolg rücksichtslosen Verhaltens liege darin begründet, wie sich das Wirtschaftssystem in den vergangenen Jahrzehnten verändert habe: Es habe eine Entkoppelung der Verursachung von der Belohnung beziehungsweise Bestrafung gegeben.

Seit Mitte der 1980er Jahre gebe es kaum echte Finanzinnovationen, sondern eher Umverpackungen bestehender Basisprodukte. Das Stichwort "Finanzinnovation" sei oft nur ein Marketingetikett, mit dem Kosten und Risiken verschleiert würden, und beziehe sich in der Regel auf sogenannte strukturierte Produkte. Strukturierte Produkte wie Collateralized Debt Obligations (CDOs) gelten als einer der Hauptverursacher der Finanzkrise.

Banken können als Erpresser auftreten
Das Ende von Lehman Brothers habe vor allem Eines gezeigt: Die Folgeschäden einer Bestrafung von Fehlverhalten im Finanzbereich sind viel größer, als wenn man Steuergelder zum Ausgleich von Zockerverlusten nimmt. Damit sei die Erpressbarkeit der Welt von skrupellosen Bankern eindrücklich demonstriert worden. Die anschließenden neuen Regulierungsmaßnahmen seien im Wesentlichen Versuche einer zukünftigen Schadensbegrenzung gewesen. Das eigentliche Problem, dass Banker einen wirtschaftlichen Anreiz haben, ihre Kunden mit intransparenten Produkten zu schädigen, sei nicht angegangen worden.

Ohne die Bereitschaft, Grundsätzliches infrage zu stellen, werde sich nichts ändern. Dabei seien Kunden, Banken, Aktionäre und Finanzaufsicht gleichermaßen gefragt. Moral Hazard habe sich als Geschäftsprinzip etabliert. Das gefährde die ganze Wirtschaft. Banken kämen ihrer volkswirtschaftlich wichtigen Aufgabe, Kapitalgeber und Kapitalnachfrager zusammenzubringen, derzeit eher schlecht als recht nach, weil sie einerseits die Kapitalgeber abzockten und andererseits nicht richtig zwischen seriösen und unseriösen Klienten unterscheiden könnten. In einem Land mit einer älter werdenden Bevölkerung seien erfolgreiche Privatanleger nötig, deren Vermögensbildung die immer weniger finanzierbare staatliche Altersvorsorge entlaste. (mb)