Guten Gewissens Geld anzulegen liegt vol im Trend. Doch wie sinnvoll ist es, Aktien eines nicht nachhaltig wirtschaftenden oder ethisch-soziale Standards grob missachtenden Unternehmens zu verkaufen repektive zu meiden? Diese Frage treibt nicht wenige ESG-Investoren um. Einige Fondsmanager neigen dazu, allen Bedenken zum Trotz solche Titel dennoch zu halten. Ihr Argument: Wer nicht investiert ist, gibt die Möglichkeit aus der Hand, die Strategie des Unternehmens als Aktionär zu beeinflussen. "Wer eine Aktie hält, ist Miteigentümer, und wer das Eigenkapital gibt, hat auch das Sagen", erklärt Morningstar-Analyst Jon Hale. Dennoch gibt es aus seiner Sicht mehrere Gründe, die für ein Desinvestment sprechen.

Zum einen ist auch das Abstoßen einer Aktie ein starkes Signal der Eigenkapitalgeber, die aufmerksame Unternehmen zum Umdenken bringen können. "Unternehmen sorgen sich heute mehr denn je um ihren Ruf; sie wollen negative Schlagzeilen vermeiden und ändern deshalb ihr Verhalten, wenn die Anleger mit den Füßen abstimmen", sagt Hale.

Nicht in ein Unternehmen zu investieren, kann außerdem ebensogut Ausdruck einer Investment-Meinung sein wie der Kauf eines Anteilscheins: Wer nicht in Unternehmen investiert, die im großen Stil auf fossile Brennstoffe setzen, will womöglich "Investment-Ruinen" vorbeugen, die zu hohen Abschreibungen führen können. "Es geht also nicht darum, unverantwortlich handelnde Öl- und Gasunternehmen abzustrafen, sondern Schaden vom Portfolio abzuwenden", sagt Hale.

Portfolio als Spiegel der Persönlichkeit
Ein weiterer Grund für ein Desinvestment findet sich dem Experten zufolge in der Verhaltensökonomik. Zusätzlich zum potenziellen materiellen Nutzen bietet die Meidung nicht-ESG-konformer Titel Anlegern emotionale Vorteile nach dem Motto "Es fühlt sich gut an, nachhaltig zu investieren" und expressive Vorteile wie "Mein Verhalten spiegelt wider, wer ich bin". "Wer Waffen oder Tabak unmoralisch findet, will solche Unternehmen auch aus seinem Portfolio entfernen", sagt Hale. Er findet dieses Verhalten legitim: "Man kann ja schließlich auch mit anderen Investments Geld verdienen." (fp)