Japans Wirtschaft ist nach einem enttäuschenden zweiten Quartal auch im dritten Quartal 2014 wieder geschrumpft. Um 1,6 Prozent nahm das Bruttoinlandsprodukt ab, der japanische Aktienmarkt reagierte mit deutlichen Kursverlusten. Für den Makroökonomen und Gründer des Diskussions­forums "Beyond the obvious", Daniel Stelter, ist diese Entwicklung ein weiterer Grund, die Wirksamkeit der Geldpolitik in Zeiten der allgemeinen Überschuldung generell in Frage zu stellen. "Die ersten Erfolge – Stärkung der Exporte durch die deutliche Abwertung des Yen und steigende Inflation durch teurere Importe – waren eben doch nur Scheinerfolge", sagt er. "Denn eine Steigerung des Außenhandelsüberschusses kann nur dann funktionieren, wenn ein Zusatzangebot an Gütern auf eine Zusatznachfrage in der Welt trifft."
 
Der tiefere Grund hinter der japanischen Misere sei eine Kombination aus verschleppter Überschuldungskrise und schrumpfender Bevölkerung. "Bis heute hat Japan nicht die Folgen der Blase aus den 1980er Jahren bereinigt", stellt der Ökonom fest. "Statt die untragbaren Schulden abzubauen, wurden sie vom Privatsektor auf den Staat übertragen." Abenomics sei der verzweifelte Versuch, diese untragbare Schuldendynamik zu durchbrechen. "Doch in einer Welt, in der alle wesentlichen Wirtschaftsregionen vor ähnlichen Problemen stehen, wird dies nicht funktionieren", so Stelter. "Japan wird nicht darum herumkommen, das Schuldenproblem offen zu lösen."

Die Ausgangslage ist schwieriger
Europa befinde sich in einer ähnlichen Situation wie Japan nach dem Platzen der Blase Anfang der 1990er Jahre: Die Schulden seien auf Rekordniveau und stiegen weiter. Die Erwerbsbevölkerung beginne zu schrumpfen. Für die Kosten der alternden Gesellschaft seien keine Rücklagen gebildet worden. Der Euro sei viel zu stark, gegeben den Zustand der europäischen Wirtschaft, das Bankensystem sei marode, und in den Ländern der Peripherie wimmele es von Unternehmen, die nur noch am Leben seien, weil die Banken die Abschreibungen nicht verkrafteten. "Im Unterschied zu Japan haben wir es mit verschiedenen Staaten, Sprachen und Sozialsystemen zu tun, was die Handlungsmöglichkeiten einschränkt", sagt Stelter.
 
Der Ökonom ist überzeugt: Als Vorbild für Europa kann Japan nicht dienen – sondern eher als Warnung. Die Ausgangslage in Europa sei ungleich schlechter als jene in Japan vor 25 Jahren. "Der japanische Staat konnte sich von einem tiefen Niveau kommend stark verschulden, um die Wirtschaft zu stabilisieren", erklärt Stelter. Finanziert wurden diese Schulden von den japanischen Sparern. "Die europäischen Staaten hingegen haben schon vor der Krise enorme Schulden angehäuft. Zudem benötigen viele Kreditgeber aus dem Ausland, weil die inländische Ersparnis nicht zur Finanzierung der Defizite genügt." Europa werde nicht 25 Jahre lang dem japanischen Vorbild folgen können. Stelters Fazit: "Besser wäre es die richtigen Schlüsse aus dem japanischen Beispiel zu ziehen: das Schuldenproblem bereinigen, statt es ungebremst anwachsen zu lassen, bis es knallt." (mb)