"Die Versicherungsbranche sitzt auf riesigen Altlasten." Mit diesen Worten eröffnete Moderator  Herbert Fromme, Versicherungskorrespondent der Süddeutschen Zeitung und Herausgeber des "Versicherungsmonitor", die 13. SimCorp Fachtagung für Versicherungen am 22. Oktober in Köln. Fromme bezog sich dabei auf die Altlasten im Bereich der Datenbestände und des Vertriebs. "Ein Versicherer, der digital aufgestellt ist, braucht nur noch die Hälfte der Leute", so der Journalist. Die Kunden wollten zwar eine Digitalisierung und einen bequemen Online-Zugang, "das heißt aber nicht, dass die Kunden alles online machen wollen". So wie der Buchhandel von Amazon gelernt hätte, müsste jetzt auch die Versicherungsbranche auf die neuen Anforderungen reagieren. Fromme verwies auf einen neuen Risikoversicherer, der in Kürze auf den deutschen Markt kommt. "Die kommen mit zehn Leuten, dazu 30 Leute im Callcenter – und werden mit zehn Prozent der Kosten der Etablierten arbeiten."

"Bestände der Vermittler überaltern"
Altlasten bestünden auch bei den Vertriebssystemen. "Es gibt 250.000 Versicherungsvermittler. Man kann ihnen aber nicht mehr so viel zahlen, dass alle davon leben können. Außerdem überaltern die Bestände der Vermittler", sagte Fromme. Das Lebensversicherungs-Reformgesetz (LVRG) habe hier bereits Eckpunkte festgesetzt, aber die müssten nun von der Branche intelligent umgesetzt werden.

Kurzum: Fromme rief zu einer Erneuerung der Branche auf: "Es reicht nicht, dass der GDV die Presse mit Artikeln vom neu eingerichteten Newsdesk versorgt, sondern es muss eine echte Erneuerung stattfinden." Er sieht die Versicherungsbranche innerhalb der kommenden zwölf Monate an einem Wendepunkt. Wer noch Gewinne schreibe, sollte die Zeit nutzen. Immerhin drückten die niedrigen Zinsen, Solvency II und weitere Regularien – "und außerdem schaut sich die Politik nach den Banken erneut die Versicherungsbranche an und wird hier auch tätig werden", prognostizierte der Journalist.

Versicherer sollten sich stärker um ihre Bestandskunden kümmern
Hermann-Josef Tenhagen, ehemaliger Chefredakteur zur Zeitschrift Finanztest und jetzt Vorsitzender der Geschäftsführung der unabhängigen Verbraucher-Webseite "Finanztip", kritisierte in seinem Vortrag die Versicherungsbranche: "Versicherer sind mit den stillen Reserven tatsächlich nicht sehr transparent umgegangen. Aber nicht die Aktionäre haben sich die Taschen voll gestopft, wie man an den Aktienkursen verschiedener Versicherer sieht, sondern eher die erste und zweite Führungsebene." Er forderte, dass sich Versicherer stärker um ihre Bestandskunden kümmern sollten. "Wie kann es sein, dass Versicherungskunden Riester-Verträge haben, für die kein Zuschuss beantragt ist? Das ist doch ein Ansatzpunkt, um mit dem Kunden in Verbindung zu treten", so Tenhagen.

Verwahrstellen sind mehr als nur Kostenblock
Anschließend liegen die Themen stärker im Bereich der Kapitalanlagen. Frau Dr. Sofia Harrschar von Universal-Investment sprach über Infrastruktur-Investments – und wie sie für die unterschiedlichen Investoren zugänglich sein können.

Ludger Wibbeke von Hauck & Aufhäuser Privatbankiers und Jochen Meyers von der Société Générale Securities Services GmbH gingen auf das Thema Verwahrstellen ein. "Diese sind nicht nur Kostenblock, sondern können einen echten Mehrwert für institutionelle Investoren bieten", so Wibbeke. "Insbesondere eine hohe Rechtskompetenz ist wichtig in der Verrechtlichung unserer Branche."

Neue Produkte dringend benötigt
Dr. Alexender Kling, Partner beim Institut für Finanz- und Aktuarwissenschaften in Ulm, ging auf die demographische Entwicklung ein. Auf Grund der längeren Rentenphasen forderte er von den Lebensversicherern Produkte, die mehr Flexibilität in der Rentenbezugsphase ermöglichen. Hierzu verglich er die beiden Produkte von Allianz und Ergo. "Beide Produkte sehen von außen ähnlich aus, aber unter der Motorhaube unterscheiden sie sich stark", sagte Kling. Seiner Meinung nach werden die neuen Produkte Elemente der klassischen und der fondsgebundenen Versicherung miteinander verbinden. (ad)