Rund sechseinhalb Jahre nach dem Ausbruch der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise stellt Jürgen Stark, ehemaliger Chefökonom der Europäischen Zentralbank (EZB), der Europäischen Union ein schlechtes Zeugnis aus. "Wir waren nie aus dem Krisenmodus heraus", sagte er am Donnerstag auf dem 14. FONDS professionell KONGRESS in Mannheim.  Es habe seit 2008 zwar einige ruhigere Phasen gegeben, aber keine Lösung für die Krise. "Die EZB hat Zeit gekauft, diese Zeit ist aber seit 2010 in den meisten Ländern nicht effektiv genutzt worden. Das Krisenbewusstsein war und ist nicht da", so Stark.

Mit ihren bisherigen Maßnahmen habe die Notenbank den europäischen Krisenstaaten lediglich den Druck genommen, ihre Haushalte in Ordnung zu bringen. Der Schuldenstand von Staaten wie Spanien und Italien sei deshalb noch immer viel zu hoch. "Die Verschuldung im öffentlichen und privaten Sektor ist ein großes Wachstumshemmnis", sagte Stark. Das Anleihekaufprogramm der EZB wird an der Situation nicht viel ändern, ist der Ökonom überzeugt. Die meisten der Effekte, die EZB-Präsident Mario Draghi damit erzielen will, seien bereits durch die Ankündigung des Kaufprogramms eingetreten. Nur Reformen könnten dem Euroraum zurück auf den Wachstumspfad helfen – in Europa herrsche aber Reformmüdigkeit.

Effekt des Quantitative Easings dürfte begrenzt sein
Stark sprach sich in Mannheim nicht generell gegen das Quantitative Easing (QE) der EZB aus. Die Notenbank dürfe bei ihren Staatsanleihekäufen aber nicht selektiv vorgehen und lediglich Papiere von Krisenstaaten kaufen. Deren Regierungen sollten selbst dafür sorgen, dass die Risikoaufschläge ihrer Anleihen zurückgehen. Darüber hinaus sollten Anleger nicht erwarten, dass das europäische QE dieselben Effekte habe wie das quantitative Lockerungsprogramm der US-Notenbank Fed. In den USA sollten die Aktienkurse steigen und in der Folge auch der Konsum. Das habe die Fed vor allem mit ihrem ersten QE geschafft. "In Europa funktioniert das aber nicht", so der Ökonom. "Wir haben ein bankbasiertes, kein marktbasiertes Finanzsystem."

Stark sieht den Hauptgrund dafür, dass das Wachstum in Europa jenem in den USA hinterherhinkt, im schleppenden Schuldenabbau in den europäischen Ländern. In den USA sei der Schuldenabbau deutlich schneller und konsequenter vonstattengegangen. "Man weiß aus der Wirtschaftsgeschichte, dass ein rasches Deleveraging eine frühere und bessere wirtschaftliche Erholung mit sich bringt, als wenn man diesen Prozess verzögert. Hier waren die Europäer zu nachsichtig", kritisierte er. In Spanien etwa sei erst ab dem Jahr 2010 ein langsames Deleveraging zu beobachten gewesen. "Das ist symptomatisch für Europa."

Niedrige Inflation ist kein Horrorszenario
Ökonomen und Politikern, die vor einer Deflation in Europa warten, erteilte Stark eine Absage. "Wir müssen mit dem Begriff Inflation sehr vorsichtig umgehen", warnte er. Dieser Begriff sei eng mit der Situation des Krisenjahres 1929 verbunden. Dieses Jahr sei aber eine Ausnahme gewesen. "Eine sehr niedrige oder leicht negative Inflationsrate geht Hand in Hand mit wirtschaftlichem Wachstum", erklärte Stark. Das sehe man derzeit etwa in Griechenland, wo ein leichtes Wirtschaftswachstum zu beobachten sei. Auch in der Schweiz liege die Inflation nahe der Nulllinie, trotzdem verzeichne das Land ein reales Wachstum des Bruttoinlandsprodukts. Die quasi nicht vorhandene Inflation im Euroraum führte der Ökonom auf den Verfall des Ölpreises zurück. Steige der Ölpreis, steige auch die Inflation wieder. Auch bei weiterhin niedrigen Rohstoffpreisen sei aber wegen statistischer Effekte spätestens Ende dieses Jahres mit einer anziehenden Inflation zu rechnen. (jg)