Die jüngste Aufdeckung betreffend "Lust-Reisen" durch das Handelsblatt verfestigt den Eindruck, den man als Beobachter anlässlich dieser Story schon anlässlich der ersten derartigen Berichte – damals ging es bekanntlich um einen Bordellbesuch durch die Ergo-Vorgänger-Gesellschaft Hamburg-Mannheimer-Versicherung – bekam: Da will jemand das Image der Ergo-Versicherung nachhaltig schädigen.

Warum sollte das der Fall sein? Ganz einfach, die Versicherung hat sich mit ihrer Transparenz-Offensive, in der es darum ging und geht, Versicherungsprodukte leicht verständlich und frei von versteckten Klauseln zu gestalten, gegen den Rest der Branche gestellt. Wenn ein Versicherer es schafft, Versicherungsbedingungen auf wenigen A4-Seiten so zu formulieren, dass sie der Versicherte tatsächlich versteht, lässgt das alle Mitbewerber, die dafür 60 Seiten in Kleinstdruck benötigen, schlecht aussehen. Nun könnten die darauf reagieren, indem sie ebenfalls ihr Vertragswerk anpassen – einfacher scheint es aber zu sein, den lästigen Mitbewerber in ein schräges Licht zu stellen. Wie der Fall zeigt, ist das gelungen.

Angesichts der Fluktuation in der Branche wird es eine Vielzahl ehemaliger Ergo-Manager geben, die heute für Mitbewerber arbeiten und sowohl über Kenntnis als auch Belege der seinerzeitigen "Sünden" verfügen. Die müsste man nur einem Leitmedium, wie eben das Handelsblatt, liefern, um die gewünschte Berichterstattung auszulösen.

Zugegeben, das klingt sehr nach Verschwörungstheorie. Wer allerdings weiß, wie mitunter andere Incentive-Veranstaltungen im Vertrieb – und hier sprechen wir von allen Branchen und keineswegs nur vom Versicherungsbereich – aussehen, findet die Ergo-Story schon nur mehr halb so empörend.

Selbstverständlich ist es für Versicherungskunden, sie sind es ja, die letztendlich all diese Veranstaltungen bezahlen, ein Schock zu erfahren, dass sie auf diese Weise zur Ader gelassen werden. Tatsächlich macht es für sie aber reichlich wenig Unterschied, ob diese Kosten für einen Bordellbesuch oder eine Testfahrt auf einer Formel-1-Rennstrecke oder den Besuch eine Fußball-EM-Endspiels anfallen. Fest steht, dass fast die gesamte Versicherungsbranche – so wie viele andere Branchen – ihre erfolgreichen Vertriebspartner mit mehr oder weniger "lustbetonten" Reisen und Veranstaltungen an sich zu binden versucht. Und streng genommen ist jede Variante davon eine Form von Korruption, denn eigentlich sollte die Qualität von Produkten und Dienstleistungen darüber entscheiden, für welchen Produktpartner sich ein unabhängiger Berater entscheidet – und nicht das in Aussicht gestellte Reiseziel des laufenden Vertriebswettbewerbs.

Dass hier der Ergo-Konzern – sofern die Verschwörungstheorie richtig ist – ins Licht gezerrt wird, dürfte mittelfristig auch allen anderen Versicherern und möglicherweise sogar anderen Branchen schaden. Es gibt europaweit ernsthafte Bestrebungen provisionsbasierte Vergütungsmodelle zu verbieten bzw. massiv einzuschränken. Derlei Skandale werden sicher nicht dafür sorgen, dass hier die Kompromissbereitschaft von Verbraucherschutz und Politik zunimmt.