Zum ersten Mal seit der Finanzkrise 2008 befindet sich wieder ein deutsches Geldhaus in Schieflage: Die Bremer Greensill Bank, die zur australischen Greensill-Gruppe gehört, ist vergangene Woche wegen drohender Überschuldung von der Finanzaufsicht Bafin für den Kundenverkehr geschlossen worden. Zudem verhängte die Behörde ein Moratorium. Mit anderen Worten: Kein Geld kommt derzeit in die Bank hinein und auch keines heraus.

Da das Kreditinstitut einen nicht unbeträchtlichen Teil seiner Einlagen von Sparern erhalten hatte, die über populäre Vergleichsplattformen wie "Weltsparen" (Slogan: "Mit Sicherheit die besten Zinsen") oder "Zinspilot" auf die ungewöhnlich großzügigen Angebote von Greensill aufmerksam gemacht wurden, stehen nun die Plattformen selbst in der Kritik. Nicht zuletzt, weil im Sommer 2020 verschiedene Medien, darunter Bloomberg, kritisch über das Institut berichtet hatten, die Plattformen aber keine Konsequenzen zogen. 

Keine tiefergehende Bilanzprüfung
Die Verantwortlichen weisen angebliche Fehler bei der Auswahl der Bremer Bank zurück. "Wir sind als Zinsplattform gar nicht in der Lage, eine tiefergehende Bilanzprüfung durchzuführen", sagt Tamaz Georgadze, Gründer und Chef von Raisin, der Firma hinter Weltsparen, in einem Gespräch mit dem Branchendienst "Finanz-Szene.de". Die Greensill-Bank sei laut Georgadze mit rund 500 Millionen Euro Eigenkapital gemessen am Einlagenvolumen und dem Risiko sehr gut kapitalisiert gewesen und habe profitabel gearbeitet. Selbst "Finanztest" habe das Institut empfohlen. "Die kritischen Berichte haben wir natürlich wahrgenommen. Aber da ging es um Konzentrationsrisiken, nicht um Bilanzfälschung. Und kritisch berichtet wird über viele Banken", so der Raisin-Chef.

Georgadze betont in dem Gespräch weiter, dass seine Gesellschaft sich die Banken, an die sie Kunden vermittelt, selbstverständlich gründlich anschaue. Beispielsweise, ob sie profitabel arbeiten, wie viel Liquidität sie vorhalten und wie die Eigentümerstruktur aussieht. Letztlich sei es aber nicht die Aufgabe der Zinsportale, die Bücher zu prüfen: "Das ist Aufgabe der Aufsicht und der Wirtschaftsprüfer. Wie soll eine umfangreiche Prüfung von unserer Seite denn in der Praxis bitteschön funktionieren? Dafür fehlen uns natürlicherweise die Mittel und Instrumente", zitiert "Finanz-Szene.de" Georgadze, der hinterherschiebt: "Wenn aus dem 'Fall Greensill' jetzt ein Fintech-Fall gemacht wird, dann ist das absurd."

Im Übrigen sei der weit überwiegende Teil des Geldes allem Anschein nach nicht über Zinsportale zur Greensill Bank geflossen, sondern über klassische Einlagenvermittler, die ihr Geschäft im Auftrag von Firmenkunden und sonstigen instutionellen Anlegern betreiben. "Warum wird jetzt so getan, als sei der Sparer das Problem?", fragt Georgadze in dem Finanzszene-Interview zurück.

Knackpunkt gesetzliche Einlagensicherung
Ein anderer Kritikpunkt von Branchenexperten: Das Geschäftsmodell der Zinsplattformen basiere darauf, das Risiko eines Ausfalls der Allgemeinheit oder besser gesagt den deutschen Verbrauchern zu übertragen, und zwar über den Mechanismus der Einlagensicherung, die Kundeneinlagen bis zu einem Betrag von 100.000 Euro schützt. Denn es seien die Banken, die Einlagensicherungssysteme über höhere Gebühren immer wieder mit Beiträgen auffüllen müssen, wie die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" (FAS) schreibt.

Diese Kritik lässt Tim Sievers, Gründer und Chef von Deposit Solutions - jenem Unternehmen, das die Plattform Zinspilot betreibt - nicht auf sich sitzen: "Dieser Vorwurf wurde in den zehn Jahren seit Gründung unseres Unternehmens noch nie an uns herangetragen", zitiert ihn die FAS. "Die Einlagensicherung ist für Millionen Sparer in Deutschland ein wichtiger Grund, warum sie sich für Bankeinlagen entscheiden. Und Banken werben seit jeher mit der Sicherheit und dem Zins ihrer Einlagenprodukte um Kunden und Finanzierung. Beides gibt es seit Jahrzehnten und nicht erst, seit es Einlagenplattformen gibt." 

Raisin-Gründer Georgadze stößt im Finanzszene-Gespräch ins gleiche Horn. Man müsse sich die Funktionsweise von Zinsplattformen bewusst machen. "Es gibt einerseits die normalen Retailbanken. Die sitzen auf ständig steigenden Einlagen, die sie ihren Kunden immer öfter negativ verzinsen." Auf der anderen Seite stünden Banken ohne direkten Zugang zu Spargeldern, beispielsweise Factoring-Banken oder Immobilienfinanzierer. Diese suchten genau die überschüssigen Einlagen, die anderswo anfallen, um sich günstiger refinanzieren zu können. "Diese beiden Parteien verbinden wir über unsere Plattform – und diese Funktion erklärt, warum Kleinanleger über Portale wie 'Weltsparen' höhere Zinsen erhalten als bei ihrer Hausbank. Es ist also nicht so, dass die Sparer bei uns nur deshalb höhere Zinsen erhalten, weil wir die Risiken an die Einlagensicherung auslagern." (jb/ps)