Griechenlands neue Regierung, eine Koalition aus der linken Partei Syriza und der rechtspopulistischen Partei Unabhängige Griechen, könnte die Beziehung zwischen Griechenland und dem Rest der Währungsunion weiter strapazieren, befürchtet der Wirtschaftsweise Peter Bofinger. Vor der Wahl hatte er sich zwar in Hinblick auf einen Sieg von Syriza-Chef Alexis Tsipras optimistisch geäußert. Die Koalition mit der Partei des Rechtspopulisten Panos Kammenos verwundere aber, sagte Bofinger am Mittwoch auf dem FONDS professionell KONGRESS in Mannheim. "Das einzige, was die beiden vereint, ist, dass sie gegen alles sind, was von Europa vorgegeben wird", sagte er auf einer Veranstaltung von BNP Paribas Investment Partners.

Mit der Partei Unabhängige Griechen in der Regierung werde es schwierig, Kompromisse bezüglich einer Lösung für Griechenlands Probleme zu finden. Einen Schuldenschnitt, wie ihn Tsipras und Kammenos fordern, hält der Ökonom für unwahrscheinlich. Stattdessen werde ein Ausstieg Griechenlands aus der Währungsunion, der sogenannte Grexit, wahrscheinlicher: "Man muss sich darauf einstellen, dass es zu einem Ausstieg kommen kann", sagte er.

Griechenland ist eigentlich auf einem guten Weg
Ein harter Kurs von Griechenlands neuer Regierung gegenüber Brüssel würde zur Unzeit kommen. Bofinger sieht das Land nach den Sparmaßnahmen der vergangenen Jahre auf einem guten Weg. "Das Wirtschaftswachstum hat gerade begonnen, wieder an Fahrt aufzunehmen." Ein Ausstieg Griechenlands aus dem Euro würde Anleger im Euroraum massiv verunsichern, möglicherweise sogar den Euroraum insgesamt destabilisieren. "Es ist gefährlich, den Geist aus der Flasche zu lassen, dass die Mitgliedschaft im Euroraum etwas ist, das man aufkündigen kann", warnte Bofinger.

"Der Euroraum braucht mehr Dynamik"
Für die gesamte Eurozone mahnte der Wirtschaftsweise höhere staatliche Investitionen an, etwa in Infrastruktur, Bildung und Forschung. "Der Euroraum braucht mehr Dynamik", sagte er. Es sei gefährlich, zu glauben, dass die Europäische Zentralbank(EZB) allein das Wachstum in Europa wieder in Schwung bringen könne. Zudem könnten die Notenbanker ihr Inflationsziel ohne steigende Löhne nicht erreichen. "Inflation wird vor allem von den Löhnen getrieben", so Bofinger.

Das Anleihekaufprogramm der EZB sieht der Ökonom mit gemischten Gefühlen. Einerseits seien Anleihekäufe ein klassisches Instrument der Notenbanken. Andererseits habe EZB-Präsident Mario Draghi aber allein mit der Ankündigung von Anleihekäufen zwei wichtige Ziele erreicht, nämlich den Euro geschwächt und die Zinsen am Kapitalmarkt weiter gedrückt. "Eigentlich muss Draghi jetzt gar nichts mehr machen", urteilte Bofinger. Mit tatsächlichen Anleihekäufen beraube sich der EZB-Chef seiner Flexibilität. (jg)