Es ist Sommer. Das zeigt nicht nur der Blick aufs Thermometer, sondern auch der in die Tageszeitung, wo neben ranghohen Polikern unter anderem die Chefs großer Finanz- und Versicherungskonzerne ihre Sicht auf die Welt darlegen. So auch Oliver Bäte, Vorstandschef der Allianz SE, der Holding von Europas größtem Versicherer. Bäte übt in der "Neuen Zürcher Zeitung" (NZZ) Kritik an der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB), äußert sich zu den Plänen der EU-Kommission für nachhaltige Investitionsrichtlinien und erklärt erneut, was die Digitalisierungsstrategie speziell für die Vermittler der Allianz bedeutet.

Der Versicherer sei ein sehr großer Kapitalanleger und bewege Milliarden von Euro, stellt Bäte klar. Daher sei der Konzern natürlich auch von der Geldpolitik der EZB betroffen, die er als politisch motiviert ansieht: "Die Preise für jene, die viele Schulden haben, werden künstlich niedrig gehalten. Und das Geld wird den Sparern weggenommen – eigentlich eine Enteignung", so der Allianz-Chef gegenüber der NZZ. Dass südeuropäische Banken die Profiteure des billigen Geldes seien, steht für ihn fest. Die Allianz selbst sieht er dagegen sehr gut aufgestellt, auch weiterhin den Niedrigzinsen zu trotzen: "Wir halten das ewig durch", so seine selbstbewusste Ansage.

Pro und Contras von Antomenergie
Der oberste Allianz-Chef geht im Zusammenhang mit Kapitalanlagen auch auf die geplanten Nachhaltigkeits-Richtlinien der EU-Kommission für Investments ein. "Prinzipiell begrüßen wir, wenn die Initiative zur Nachhaltigkeit ergriffen wird. Wir haben früh mit dem Rating unseres Investment-Portfolios der Versichertengelder angefangen. Wir gehören zu den Ersten, die nicht mehr in Kohle investieren", zitiert ihn die NZZ. Bäte fordert in dem Gespräch ferner vor allem, die Kriterien für ESG-Investments baldmöglichst und klar festzulegen.

Ob dies klappt, zieht Bäte in Zweifel. So gebe es etwa bei der Atomenergie, deren Austieg in Deutschland er persönlich kritisch sieht, unterschiedliche Sichtweisen: "Neben dem Klima gibt es das Thema Sicherheit; da kann man Atomenergie sehr kritisch sehen. Dann kommt das Thema Versorgungssicherheit, da sieht Kernkraft positiv aus, Erdgas aus Russland hingegen eher negativ", gibt Bäte zu bedenken.

On- und Offline Hand in Hand für die Vermittler
Ein anderer großer Themenschwerpunkt des Interviews ist die Digitalisierung – insbesondere die Auswirkungen für den Vertrieb. Bäte ist der Ansicht, dass Kunden bei Themen wie Altersvorsorge und Gesundheit auch morgen noch individuelle Beratung wünschen und daher eine Person aus Fleisch und Blut sehen und sprechen möchten.

Der Allianz-Chef wurde ferner gefragt, wie er die Lage bei seinen Agenturmitarbeitern beschreiben würde, die sich Sorgen wegen der Digitalisierung machen. "Unsere Vertreter wollen, dass wir sie auf dem Weg in die digitale Zukunft unterstützen. Das ist je nach Altersgruppe der Mitarbeiter unterschiedlich relevant. Die Mitarbeiter wollen unsere Hilfe, und sie wollen, dass wir in sie investieren. Beides tun wir nach Kräften", so sein diplomatische Antwort. In Frankreich etwa kämen 15 Prozent der Neukundenverträge in der privaten Sachversicherung über digitale Plattformen – und potenzielle Kunden würden an die Vertreter weitergeleitet. (jb)