Der französische Fondsgesellschaft Amundi hat mit Amundi Technology einen neuen Geschäftsbereich gestartet. Die Einheit soll anderen Anbietern aus der Investment- und Vermögensverwaltungsbranche Technologiedienstleistungen anbieten. Dies gilt für andere Asset Manager und Banken, aber auch Vermögensverwalter und Finanzberater, erläutert Guillaume Lesage, im Vorstand der Pariser für das operative Geschäft verantwortlich, im Interview mit FONDS professionell.


Herr Lesage, warum entwickelte Ihr Haus mit Alto ein eigenes IT-System?

Guillaume Lesage: Amundi verfolgt seit der Gründung die Strategie, eine eigene IT-Plattform zu entwickeln. Für uns ist dies essentiell, um unsere Prozesse und Abläufe zu beherrschen und in der Lage zu sein, unsere Systeme stets weiter zu entwickeln und zu wachsen. Diese Eigenständigkeit hat uns auch ermöglicht, übernommene Unternehmen wie Pioneer oder Sabadell Asset Management zügig zu integrieren. Die sich daraus ergebende Effizienz ermöglicht uns zudem, unsere niedrige Cost-Income-Ratio von etwa 50 Prozent zu realisieren. Unter Banken und Asset Managern besteht zudem ein Bedarf an modernen IT-Systemen. Denn die Institute sehen sich mit der Notwendigkeit konfrontiert, Prozesse zu digitalisieren und die Kosten so niedrig wie möglich zu halten. Für uns ergibt sich so eine weitere Möglichkeit, Expertise zu teilen und unsere IT-System auch extern anzubieten.

Ist die IT-Technik in der Finanzwelt tatsächlich so sanierungsbedürftig?

Lesage: Viele Finanzdienstleister haben über die vergangenen 30 bis 40 Jahre eine Art Patchwork an IT-Systemen angehäuft. Es war sehr schwierig und aufwändig, diese verschiedenen Systeme zu kombinieren. Entsprechend zögerlich sind viele Häuser, diese Strukturen zu entflechten. Doch durch diese Vielfalt sind die Institute von vielen verschiedenen Software-Anbietern abhängig. Wir bieten hingegen ein modernes, aber zugleich offenes System aus einem Guss. Amundi Leading Technology and Operations, kurz Alto, ist eine Cloud-basierte Open-Source-Software, die Kapazitäten für künstliche Intelligenz integriert, wie zum Beispiel die Python-Modellierung von Portfolios. Auf dieser Plattform können Banken, Asset Manager oder Vermögensverwalter ihre selbst entwickelten Tools andocken. Die notwendigen Schnittstellen sind vorhanden. Alto ist kein monolithischer Block. Die Kunden können lediglich die Elemente erwerben, die sie auch benötigen. Alle unsere Systeme sind als White-Label-Angebote ausgelegt.

Sie wollen Ihre IT also auch an andere Gesellschaften verkaufen?

Lesage: Ja. Wir sind überzeugt, dass unser System die Marktreife erreicht hat. Im Zuge unserer Expansion, etwa bei Übernahmen, haben wir bei einer Integration die IT stets auf unsere Plattform überführt. So haben wir bei der Integration von Pioneer bewiesen, dass die Übertragung von einem bestehenden IT-System auf unseres problemlos machbar ist. Deutschland war das erste Land, das wir auf Alto umgestellt haben, in nur vier Monaten. Ein rascher und problemloser Übergang zu einem neuen IT-System ist genau das, was die Banken und Fondsgesellschaften suchen. Unser System ist zudem sehr effizient. Unsere Kosten beziffern sich auf einen Basispunkt des verwalteten Vermögens, der Marktschnitt liegt bei zwei Basispunkten.


Neben Amundi bieten auch andere Asset Manager IT-Systeme für Dritte an, etwa Blackrock mit seinem Risikomanagement-System Aladdin. Welche Software Fondshäuser bieten, lesen Sie im neuen Heft 2/2021 von FONDS professionell, das Ende des Monats erscheint.


Welche Funktionen bietet Alto?

Lesage: Vier Plattformen wurden bisher entwickelt: Alto Investments für Asset Manager und Finanzinstitute. Dieses Instrument umfasst Funktionen wie Portfoliomanagement, Middle- und Back-Office oder Risk- und Ordermanagement. Alto Wealth & Distribution richtet sich an Banken und Vermögensverwalter. Dieses Instrument bietet diskretionäres Portfoliomanagement sowie Beratungstools. Das dritte Tool ist für die betriebliche Altersvorsorge gedacht und wird in Frankreich eingesetzt. Die vierte Plattform nennt sich Specialized Solutions. Hier können Funktionen individuell angepasst werden, etwa für Asset Servicing oder für die Steuerung von Nachhaltigkeitsdaten und ESG-Ratings.

Was genau bietet Alto Wealth & Distribution für Vermögensverwalter?

Lesage: Im Wealth Management, im gehobenen Privatkundengeschäft, lassen sich die Kundendepots bei Bedarf einzeln und manuell anpassen. Bei Privatkunden mit weniger als einer Million liquidem Vermögen werden hingegen oft Standardstrategien für die verschiedenen Kundengruppen eingesetzt. Hier ermöglicht es Alto Wealth & Distribution, die Entscheidungen der Vermögensverwalter in allen Kundendepots entsprechend der jeweiligen Risikovorgaben nachzuvollziehen und direkt mit einer Orderaufgabe umzusetzen.

Konnten Sie schon Kunden gewinnen?

Lesage: Wir entwickelten Alto Wealth & Distribution sowohl für Retail- wie auch für das Private Banking. Dieses Instrument nutzen unsere Partnergesellschaften und weitere Partnerbanken.

Gibt es auch Anwendungen für die Finanzberatung?

Lesage: Ja. Ein weiterer Teil des Instruments bietet Funktionen für die Kundenberatung. Dieses richtet sich an kleinere Vermögensverwalter, unabhängige Finanzberater oder auch Bankberater. Diese Funktionen entwickelten wir 2020, also sozusagen brandneu. Einige Kunden konnten wir auch hierfür schon gewinnen, etwa ein Netzwerk unabhängiger Finanzberater in Frankreich sowie eine Retail-Bank. Dieses Tool wollen wir auch in Deutschland und Österreich vertreiben.

Immer wieder ist von Hacker-Angriffen die Rede. Ist Ihre Software dagegen gefeit?

Lesage: Wir achteten sehr auf Aspekte wie Cybersicherheit, Datenschutz und generell den Einklang mit allen Regeln und Vorschriften. In punkto IT-Sicherheit ist Alto auf dem neuesten Stand der Technik. Jedes Jahr investieren wir mehr als sechs Prozent unseres Budgets in die Weiterentwicklung von Cyber Security Maßnahmen.

Gerade in der Finanzbranche ändern sich immer wieder die Vorschriften. Können Sie das in Ihrer IT einpflegen?

Lesage: Unsere Instrumente wurden intern geprüft, dann von unserem Mehrheitseigner, der Bank Crédit Agricole, sowie von der französischen Finanzaufsicht AMF und schließlich noch von der Europäischen Zentralbank. Unsere Kunden können sich darauf verlassen, dass unsere Systeme den Anforderungen der Aufseher entsprechen. Wenn etwa in Deutschland neue Regeln aufgestellt werden, dann passen wir dies natürlich für Amundi Deutschland oder die Hypovereinsbank an. Wir sind nicht nur Anbieter unserer Software, sondern selbst auch Nutzer. Wir wissen daher genau, wo und wie wir Änderungen einpflegen müssen.

Vielen Dank für das Gespräch. (ert)