Das Geschäftsjahr 2019 war erfolgreich, der Auftakt im laufenden Jahr auch – doch dann kam die Covid-19-Pandemie und beendete vorerst das weitere Wachstum der deutschen Lebensversicherer. Die Experten der Ratingagentur Assekurata sind aber nicht vollkommen pessimistisch für 2020 – anders als für die Entwicklung der Zinsen und damit der Zinszusatzreserve, wie sie in einer Pressemitteilung schreiben.

Assekurata geht davon aus, dass der Rückgang des Neugeschäfts überschaubar bleibt –  immer vorausgesetzt, die Kontaktbeschränkungen werden weiter gelockert. Jedoch sei der Grad der Betroffenheit zwischen einzelnen Gesellschaften und Geschäftsfeldern nach Einschätzung der Kölner Analysten unterschiedlich. "Viele Lebensversicherer befinden sich ohnehin seit Jahren in einem Transformationsprozess, den die Pandemie allenfalls etwas abbremsen, aber nicht stoppen wird", sagt Lars Heermann, Bereichsleiter Analyse und Bewertung bei der Kölner Gesellschaft voraus. "Nach der Coronakrise werden besonders die Gesellschaften mit einer soliden Bilanzstruktur sowie einer modernen und digitalen Geschäftsausrichtung zu den Profiteuren gehören." Mit Blick auf Corona gehen er und seine Kollegen eher davon aus, dass sich die Pandemie vor allem über die Reaktionen der Kapitalmärkte auf die Bilanzen der Lebensversicherer auswirken wird.

Solvency II zwingt zu Anleiheninvestments
Und diese sind schon seit Jahren durch die niedrigen Zinse belastet, sodass Versicherer alleine mit festverzinslichen Kapitalanlagen keine ausreichenden Renditen mehr erwirtschaften können, um die garantierten Zinszusagen erfüllen zu können. Deshalb verwundert es kaum, dass der Bestand an festverzinslichen Wertpapieren seit 2011 bei den von Assekurata beobachteten Lebensversicherern durchschnittlich um 10,3 Prozentpunkte zurückging. Allerdings waren zum Bilanzstichtag 2019 immer noch durchschnittlich 81,3 Prozent der Kapitalanlagen nach Marktwerten gerechnet festverzinslich angelegt.

Zwar erwägt laut einer Assekurata-Umfrage unter 30 Verantwortlichen für Investments bei den Versicherungsgesellschaften ein Drittel der Interviewten, die Anlagen in Aktien oder Immobilien sukzessive hochzufahren. Knapp jeder Fünfte plant aber trotz Tiefzinsen einen Zukauf von Rentenpapieren, vornehmlich Unternehmensanleihen. "Hohe bilanzielle Leistungsverpflichtungen und Kapitalanforderungen unter Solvency II können diesen Schritt erforderlich machen", mutmaßt Heermann. "Hierbei spielen die Bestandsgarantien eine große Rolle. Demgegenüber erlauben Versicherungsbestände mit geringen Garantie- und Solvenzanforderungen deutlich mehr Freiheiten in der Kapitalanlage."

Wachstumsschub mit neuen Produkten
Dieses Kapitalmarktumfeld spiegele sich auch in den Branchen-Ergebnissen wider. Während die Lebensversicherer im Jahr 2010 marktweit noch mehr als zwölf Milliarden Euro an Rohüberschuss erwirtschafteten, liegt er aktuell nach Berechnungen von Assekurata bei knapp elf Milliarden Euro. "Angesichts der schon seit Jahren rückläufigen Kapitalmarktzinsen ist der Branchen-Rohüberschuss noch ziemlich stabil", kommentiert Heermann die rückläufige Entwicklung.

Dies sei zum einen den Anstrengungen der Anbieter zur Finanzierung der Zinszusatzreserve (ZZR) geschuldet, die mit außerordentlichen Kapitalanlageerträgen aus der Auflösung von Bewertungsreserven einherginge. "Andererseits ist die stabile Ergebnislage ein Ausdruck der Bemühungen vieler Gesellschaften, die eigenen Geschäftsfelder neu auszurichten und sich im Neugeschäft auf ertrags- und eigenmittelschonende Produkte auszurichten."

Die strukturelle Neuausrichtung werde auch anhand des Branchenwachstums deutlich. So haben die Lebensversicherer im Geschäftsjahr 2019 ihren Neuzugang nach Beiträgen gegenüber dem Vorjahr um mehr als zehn Milliarden Euro gesteigert. Nach Einschätzung von Assekurata entfallen rund 60 Prozent dieses Zuwachses auf Altersvorsorgeprodukte mit kapitaleffizienten Garantien, also insbesondere neue klassische, Index- und hybride Policen. Dieses Segment vereinnahmt mit etwa 45 Prozent zugleich die höchsten Prämienanteile im Neugeschäft. (jb)