In den USA blickt Dimensional Fund Advisors auf fast 40 Jahre Historie zurück: 1981 gegründet, verwaltet der Asset Manager mittlerweile mehr als 450 Milliarden US-Dollar in sehr breit streuenden Fonds, die ganze Anlageklassen abdecken, etwa globale Aktien, europäische Nebenwerte oder Schwellenländertitel. Das Unternehmen betont seine engen Beziehungen zu Finanzwissenschaftlern. Unter anderem sind die beiden Nobelpreisträger Eugene Fama und Kenneth French für Dimensional tätig. Auch in Deutschland steigt die Bekanntheit des Asset Managers, wie aus der halbjährlichen Bestsellerumfrage von FONDS professionell unter Maklerpools und Finanzvertrieben hervorgeht. Im ersten Halbjahr 2020 landete Dimensional demnach auf Rang zwei der absatzstärksten Kapitalverwaltungsgesellschaften im freien Vertrieb – vor der DWS, geschlagen nur von Flossbach von Storch. Dimensional-Deutschlandchef Lukas Schneider stand FONDS professionell ONLINE im Telefoninterview Rede und Antwort.


Herr Schneider, als Vertriebsdirektor eines Asset Managers müssten Sie über jeden Anleger froh sein, der ihre Fonds kauft. Doch so einfach ist das bei Ihren Produkten nicht: Dimensional-Fonds lassen sich nur über Berater erwerben, die gewissermaßen von Ihnen zertifiziert wurden. Warum das?

Lukas Schneider: Wir verfolgen ein Modell, das sich vom Rest der Branche unterscheidet, das stimmt. Unser Ziel ist es, dem Endkunden eine gute Investmenterfahrung zu bieten. Dazu gehört, dass Berater ihren Kunden eine klar definierte Investmentstrategie an die Hand geben, damit sie ihren Fonds möglichst lange treu bleiben, statt ständig umzuschichten. Davon profitieren im Endeffekt auch wir. Ein langsames, stetiges Wachstum ist uns lieber als ein rasanter Anstieg der Assets, der nicht von Dauer ist.

Was ist die Voraussetzung, um Dimensional-Fonds vermitteln zu können?

Schneider: Wir veranstalten zwei Mal im Jahr unsere Konferenz "Die Wissenschaft des Investierens", auf der Berater uns und unsere Philosophie kennenlernen. Kommt es zu einer Zusammenarbeit, schalten wir die Berater frei. Das wird dann auch bei den Fondsplattformen hinterlegt, auf denen unsere Produkte angeboten werden. So kommt es, dass wir tatsächlich die meisten unserer Kunden kennen. Das werden die wenigsten Fondsanbieter von sich behaupten können.

Dimensional bietet Fonds an, die sehr breit in verschiedene Assetklassen investieren. Wie grenzen Sie sich von den ETF-Anbietern ab?

Schneider: Dimensional-Fonds bieten die klassischen Vorteile des passiven Investierens, also die niedrigen Kosten und die breite Streuung. Wir bilden allerdings nicht eins zu eins einen Index ab, sondern verfolgen einen systematischen, wissenschaftlich fundierten Ansatz, mit dem wir gezielt Faktoren wie Value oder Small Cap nutzen. Hinzu kommt die Flexibilität im Wertpapierhandel: Wir müssen nicht von einem Tag auf den anderen ein Portfolio umschichten, weil ein Titel aus dem Index fällt, sondern können jeden Tag Opportunitäten nutzen. Unser Ziel ist es, so einen Mehrwert im Vergleich zu klassischen Indexlösungen zu schaffen.

Von der Value-Prämie war in den vergangenen Jahren nichts zu sehen. Gefragt waren nur Wachstumswerte.

Schneider: Das stimmt. Trotzdem bleiben wir unserer Philosophie treu: Die Value-Prämie ist ein robuster, langfristiger Renditetreiber für erwartete Aktienmarktrenditen, der durch empirische Untersuchungen über mehrere Jahrzehnte und viele verschiedene Länder hinweg belegt ist, also halten wir daran fest – notgedrungen auch in Jahren, in denen sich das nicht auszahlt. Wir sind davon überzeugt, dass sich weder Märkte noch Faktoren timen lassen, darum unsere konsequente Orientierung an wirklich langfristigen Anlagekonzepten. Unsere Berater strukturieren das Depot eines Kunden einmal sinnvoll nach Anlageklassen. Danach geht es im Wesentlichen darum, diese Struktur beizubehalten. Im Idealfall passiert nicht mehr als ein regelmäßiges Rebalancing.

Macht sich der Berater damit nicht überflüssig?

Schneider: Das ist ein Fehlschluss, dem anfangs viele aufsitzen. Nehmen Sie den Corona-Crash im März: Da war viel Coaching und Arbeit am Kunden nötig. Es gilt, den Anleger davon zu überzeugen, seiner Strategie auch in schwierigen Zeiten treu zu bleiben.

Dennoch entfällt ein Teil der Arbeit: Viele Berater sehen es als ihren Job, die besten Fonds für ihre Kunden auszuwählen.

Schneider: Was dabei entsteht, nennen wir gerne "Rückspiegelportfolio", denn es werden in aller Regel die Fonds gewählt, die in der Vergangenheit das beste Ergebnis geliefert haben. Nach vorne schauend liefern solche Portfolios oft unzuverlässige Renditen für die Kunden. Berater, die sich mit unserem Konzept anfreunden, gewinnen Zeit für viel sinnvollere Tätigkeiten, beispielsweise für eine ganzheitliche Finanzplanung. Das bringt dem Kunden deutlich mehr als die Empfehlung des vermeintlich besten Fonds. Ein Kunde von mir formuliert es so: Der Berater wird vom Portfolio- zum Beziehungsmanager. Wir bekommen von Beratern die Rückmeldung, dass sie dank unseres Konzeptes nun deutlich mehr Ruhe im Depot haben und die Kunden weniger Überraschungen erleben, weil das dauernde Umschichten entfällt.

Die Fondsauswahl spielt gar keine Rolle mehr?

Schneider: Im Vordergrund steht die Frage, welche Assetklassen der Kunde in welchem Verhältnis braucht. Also beispielsweise: Was ist die passende Aufteilung zwischen Aktien und Anleihen, wie viele Nebenwerte sind angemessen, was kann in Schwellenländer investiert werden? Danach gilt es, einen Asset Manager zu finden, der diese Anlageklassen kostengünstig und robust abbilden kann. Die Berater, die mit uns zusammenarbeiten, bestücken die Portfolios in der Regel zu 50 bis 100 Prozent mit Dimensional-Fonds. Einige kombinieren unsere Fonds mit indexbasierten ETFs. Das ist eine völlig andere Investmentphilosophie als der eigentlich unmögliche Versuch, für seinen Kunden die zehn besten Mischfonds der Zukunft auszuwählen.

Sie erwähnten den Corona-Crash. Ging Ihr Konzept in dieser Zeit tatsächlich auf? Oder gab es doch Abflüsse?

Schneider: Natürlich gab es auch bei uns Anleger, die ihr Geld abgezogen haben, aber ihre Zahl hält sich in engen Grenzen. Insgesamt sind wir mit dem Geschäftsverlauf in diesem Jahr sehr zufrieden.

Wie viel Geld von Kunden aus Deutschland betreuen Sie denn?

Schneider: In ganz Europa sind es aktuell rund 30 Milliarden Euro, etwa drei Milliarden Euro davon stammen aus Deutschland. Wir glauben, dass es in fünf Jahren durchaus zehn Milliarden Euro sein können. Bei den freien Beratern möchten wir die Nummer eins werden, auch im Private Banking wollen wir unseren Marktanteil deutlich ausbauen. Denn das Interesse an Anlagekonzepten, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen, ist auch hierzulande groß. Deutschland gilt in unserem Unternehmen als einer der Kernwachstumsmärkte. Das spiegelt sich beispielsweise in der Personalpolitik wider: Dimensional achtet konzernweit darauf, deutschsprachige Experten einzustellen, etwa in der Forschungsabteilung. Das erleichtert uns die Kommunikation mit den Beratern enorm. Wenn ich bei einer Konferenz alles simultan übersetzen lassen muss, erreiche ich die Menschen nicht wirklich.

Seit wann ist Dimensional in Deutschland präsent? Und wie groß ist das Team?

Schneider: Das Büro in Berlin mit aktuell vier Mitarbeitern wurde 2011 eröffnet. Hinzu kommen drei deutschsprachige Kollegen in London, die hauptsächlich für den hiesigen Markt arbeiten.

Sie treten mit dem Versprechen an, mehr zu bieten als nur Produkte. Was steckt dahinter?

Schneider: Wir reden mit den Beratern nicht nur über Investmentlösungen, sondern unterstützen sie auch auf zwei weiteren Gebieten. Da ist zum einen die Kundenkommunikation, also die Frage, wie sich das wissenschaftliche Konzept anschaulich gegenüber Privatanlegern erläutern lässt. Zum anderen geht es um die Unternehmensstrategie: Wir helfen Beratern dabei, ein solides Geschäftsmodell zu entwickeln. Auf großes Interesse stößt beispielsweise die Möglichkeit, sich mit Beratern aus Großbritannien oder den USA auszutauschen, die ein erfolgreiches Geschäft aufgebaut haben.

Ihre Fonds zahlen keine Bestandsprovisionen. Wie funktioniert dann eigentlich die Zusammenarbeit mit den Fondsplattformen, die ja einen Teil dieser Courtage einbehalten, um ihre Dienstleistung zu finanzieren?

Schneider: Mittlerweile sind unsere Fonds auf allen relevanten Plattformen handelbar. Einige haben unsere Produkte hervorragend in ihre Prozesse integriert. Etabliert haben sich hier verschiedene Modelle, zum Beispiel kleine Bestandsgebühren für "Clean Shares" oder Transaktionsgebühren. Es gibt bei uns übrigens immer nur eine Anteilsklasse je Fonds, also keine Unterscheidung nach institutionellen Investoren und Privatanlegern. Unsere Fonds bezahlen auch keine Bestandsprovisionen an unsere Partnerfirmen. Wir sind nicht dogmatisch gegen Provisionen, aber ein Fan von Transparenz.

Vielen Dank für das Gespräch. (bm)