Bitcoin statt Sparbuch? Warum Volksbanken in den Kryptomarkt drängen
Sparkassen und Genossenschaftsbanken bringen den Kryptohandel in die Fläche. Millionen Kunden könnten digitale Währungen künftig direkt über ihre Hausbank handeln – doch das neue Angebot stößt auch auf Kritik.
Der Kryptomarkt in Deutschland dürfte in den nächsten Monaten kräftig an Fahrt aufnehmen. Millionen Menschen werden Kryptowährungen voraussichtlich erstmals direkt über ihre Hausbank handeln können – also ohne den Umweg über spezialisierte Plattformen. Sowohl Genossenschaftsbanken als auch Sparkassen arbeiten daran, entsprechende Angebote für Privatkunden zu starten.
Mit dem Einstieg der beiden Bankengruppen "kommt dieses Thema nun in der Breite der Gesellschaft an. Kryptowährungen sind kein Nischenthema mehr", sagt Julian Schmeing, Partner bei der auf die Finanzbranche spezialisierten Unternehmensberatung Zeb, im Interview mit "Bloomberg".
Genossenschaftsbanken sind bereits gestartet
Der Genossenschaftssektor mit rund 650 Banken hatte rund drei Jahre lang unter Führung der DZ Bank an einer Lösung gearbeitet. Diese ist inzwischen fertig. Vor Kurzem haben die ersten Banken der Gruppe die Funktion zum Kryptohandel für ihre Kunden freigeschaltet. Bei den rund 340 Sparkassen entwickelt die Tochter Dekabank ein zentrales Angebot, dessen Start noch im zweiten Halbjahr geplant ist.
Sparkassen und Genossenschaftsbanken dominieren den deutschen Bankenmarkt. Sie betreuen mehrere zehn Millionen Kunden, häufig im Rahmen langjähriger Hausbankbeziehungen.
Hausbanken genießen beim Kryptohandel das größte Vertrauen
Laut einer Befragung von Boerse Stuttgart Digital vertrauen die Deutschen beim Handel mit Kryptowährungen vor allem ihrer Hausbank – und damit mehr als doppelt so häufig wie spezialisierten Plattformen. Insgesamt 38 Prozent nennen die eigene Bank als vertrauenswürdigste Anlaufstelle, während nur 19 Prozent spezialisierte Handelsplattformen bevorzugen. Bislang hat der Erhebung zufolge erst ein Viertel der Befragten in Deutschland in Kryptowährungen investiert.
Zu den ersten Genossenschaftsbanken mit einem Kryptoangebot zählt die Volksbank Raiffeisenbank Würzburg. Wenige Wochen nach dem Start Anfang Mai zieht Vorstand Claus Reder eine positive erste Bilanz. Einige Hundert Kunden würden bereits Kryptowährungen handeln, sagt er.
Auch Reder erwartet durch den Einstieg von Sparkassen und Genossenschaftsbanken einen Schub für den Kryptomarkt. Neben der hohen Kundenzahl verweist er auf die Bedeutung der Hausbankbeziehung. "Jetzt findet der Handel ja in einem gewohnten Umfeld bei der Hausbank statt – das gibt dem Handel auch eine gewisse Glaubwürdigkeit", erklärt Reder.
Kundengewinnung wichtiger als Erträge
Ob Regionalbanken mit dem Handel von Kryptowährungen am Ende Geld verdienen werden, muss sich erst noch zeigen. Nach Einschätzung einiger Institute ist das Angebot vor allem wichtig, um Kunden zu halten und neue zu gewinnen.
Wenn eine Bank "den Kryptohandel nicht anbietet, verliert sie in bestimmten Teilen des Marktes ihre Relevanz, etwa bei den jungen oder technikaffinen Kundinnen und Kunden", sagt Ralf Kölbach, Chef der genossenschaftlichen Westerwald Bank, die ebenfalls vor Kurzem den Handel mit Kryptowährungen gestartet hat. "Erträge sind hier nicht der Hauptmotor. Ein großer Ertragsbringer wird der Kryptohandel nicht."
In der Lösung der DZ Bank für den Genossenschaftssektor können derzeit Bitcoin, Ethereum, Litecoin und Cardano gehandelt werden. Jede Bank entscheidet – wie auch bei den Sparkassen – selbst, ob sie das Angebot freischaltet. "Wir rechnen damit, dass eine signifikant hohe dreistellige Anzahl an Banken das Produkt perspektivisch anbietet", erklärt Markus Bärenfänger, zuständiger Abteilungsleiter für das Projekt bei der DZ Bank.
Sparkassen vollziehen Kurswechsel
Dass die Sparkassen später starten als die Genossenschaftsbanken, dürfte auch an ihrer ursprünglich ablehnenden Haltung liegen. Vor rund vier Jahren empfahlen die Gremien der Gruppe noch, den Kryptohandel nicht anzubieten. Schließlich sei es Aufgabe der Sparkassen, "Kunden vor unkalkulierbaren Risiken zu schützen", hieß es damals. Kryptowährungen gelten als sehr volatil und unterliegen starken Schwankungen.
Vor einem Jahr folgte der Kurswechsel. Die Sparkassen kündigten an, den Handel mit Kryptowährungen künftig doch zu ermöglichen. Als Gründe nannten sie die gestiegene Nachfrage und den veränderten regulatorischen Rahmen.

Das Interesse der einzelnen Sparkassen am Start des Handelsangebots ist nach Beobachtung des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV) "hoch", wie dieser vor wenigen Tagen auf Anfrage von "Bloomberg" mitteilte. Die Einführung soll – ähnlich wie bei den Genossenschaftsbanken – schrittweise und ohne Beratung durch die Institute erfolgen. Dem DSGV zufolge handelt es sich um ein Produkt für Selbstentscheider und um eine "hochspekulative Anlageform mit dem Risiko eines Totalverlusts".
Kritik an der Öffnung für Kryptowährungen
Gerade dieser Punkt sorgt auch für Kritik. "Es ist bedenklich, wenn jetzt die Scheunentore zum Markt für Kryptowährungen ausgerechnet von Sparkassen und Genossenschaftsbanken geöffnet werden", erklärt Co-Pierre Georg, Professor an der Frankfurt School of Finance & Management.
Seiner Meinung nach überblicken "klassische Kunden von regionalen Banken in Deutschland wahrscheinlich die Risiken von Kryptowährungen nicht". Sparkassen und Genossenschaftsbanken hätten eine gewisse Verantwortung, sich mit dem Thema Kryptowährungen besonders sorgfältig auseinanderzusetzen. Genossenschaftsbanken gehören ihren Mitgliedern, während Kommunen und andere Gebietskörperschaften Eigentümer der Sparkassen sind.
Nennenswerte Reputationsrisiken für sein Haus sieht Ralf Kölbach von der Westerwald Bank nicht: "Das Leben und seine Risiken können nicht Vollkasko versichert werden. Unsere Kundinnen und Kunden entscheiden selbst. Es sind ihre Gewinne oder Verluste, die sie im Handel mit Kryptos erleben."
Krypto als normale Anlageklasse?
Der DSGV rechnet damit, dass Kryptowährungen auf absehbare Zeit zu einem zentralen Baustein der Vermögensbildung für die Mehrheit der Kunden werden. Claus Reder von der Volksbank Raiffeisenbank Würzburg sieht das ähnlich: "Ich gehe davon aus, dass Kryptowährungen zu einer ganz normalen Assetklasse werden, etwa neben Aktien, Anleihen und Privatmarktanlagen", sagt er. "Aber immer nur als Beimischung." (mb/Bloomberg)















