Capital-Group-Vertriebschef: "Wir legen 2027 aktive ETFs auf"
Die Capital Group bringt börsengehandelte Fonds mit aktivem Managementansatz auf den Markt, berichtet Arne Tölsner, der den Vertrieb in Deutschland, Österreich und der Schweiz verantwortet. Zudem verrät er im Interview, warum ausgerechnet ein Mischfonds zu den Absatzschlagern des Hauses zählt.
Nach mehr als 20 Jahren bei Allianz Global Investors war Arne Tölsner 2023 zur Capital Group gewechselt. Dort leitet er als Head of Client Group den Vertrieb in Deutschland, der Schweiz und Österreich. Im Interview mit FONDS professionell ONLINE verrät er nun, warum sein Haus börsengehandelte Fonds (ETFs) auflegt und wie sich das Geschäft der Gesellschaft in Deutschland und Österreich entwickelt hat.
Herr Tölsner, die Capital Group zählt zu den größten Asset Managern der Welt. Hierzulande zählt das Haus aber nur zu einer von vielen angelsächsischen Fondsgesellschaften. Wie heben Sie sich im Wholesale-Geschäft von der Konkurrenz ab?
Arne Tölsner: Die großen Unterschiede zu anderen Asset Managern liegen in unserem Multi-Manager-Ansatz, dem "Capital System". Während viele Asset Manager mit einem Kapitän auf der Brücke fahren, steuert bei uns eine ganze Mannschaft das Schiff – das macht den Kurs stabiler, auch bei schwerer See. Hinzu kommt der langfristige Investmentansatz einer nicht-börsennotierten, organisch gewachsenen Investmentgesellschaft. Die Capital Group verfügt über eine ausgewiesene Expertise bei globalen Aktien sowie US-Aktien. Im Bereich Fixed Income sind wir wiederum bei Schwellenländeranleihen und globalen Unternehmensanleihen stark. Auch unsere Multi-Asset-Strategien stoßen in Europa auf eine gute Nachfrage.
Wie kann das sein? Immerhin ringen Mischfonds seit 2022 überwiegend mit Abflüssen.
Tölsner: Wir haben uns etwas anders positioniert als unsere Mitbewerber. Statt auf europäische oder globale Multi-Asset-Ansätze zu bauen, rückten wir bewusst unsere US-Mischfonds in den Fokus. Unsere "Capital Group American Balanced"-Strategie ist mehr als 50 Jahre alt. Sie weist ein Volumen von mehr als 300 Milliarden US-Dollar auf und ist damit der größte Multi-Asset-Fonds der Welt. Wir zielten auf eine Nische, die sich als relativ groß herausstellte. Viele Privatanleger setzen stark auf Europa. Wir bieten vor diesem Hintergrund eine zusätzliche Möglichkeit zur Diversifizierung und können dabei auf unsere langjährige Expertise in diesem Bereich bauen.
Damit konnten Sie gegen den Trend Mittel einsammeln?
Tölsner: Ja, durchaus. Wir hatten zugegebenermaßen den Vorteil, dass wir den Vertrieb dieser Strategie in Deutschland und Österreich erst in den vergangenen drei Jahren ausgebaut haben. Wir hatten also noch wenig Bestand aufgebaut, der hätte verloren gehen können. Perspektivisch wird der Vertrieb von einzelnen Multi-Asset-Fonds allerdings schwieriger werden. Wir bieten hingegen ein breites Sortiment und positionieren uns auch als Strategielieferant.
Was meinen Sie damit?
Tölsner: Viele Banken nehmen das Vermögensverwaltungsgeschäft in die eigene Hand. Die Anlageentscheidungen von Multi-Asset-Strategien treffen die Institute innerhalb ihrer Vermögensverwaltung zunehmend selbst und suchen sich entsprechende Bausteine. Zudem setzen sie bei der Produktsteuerung engere Leitlinien und arbeiten mit weniger externen Asset Managern zusammen. Hier kommen wir als spezialisierter Strategielieferant ins Spiel, etwa für Schwellenländeranleihen.
Sie meinen das Subadvisory-Modell, bei dem eine Bank einen Fonds aufsetzt, das Portfoliomanagement aber einem Partner überlässt?
Tölsner: Genau. Die Banken konzentrieren sich auch aufgrund regulatorischer Vorgaben und aus Kosten- und Ertragsüberlegungen heraus auf die Beratung und die Vermögensverwaltung, möchten aber die Hoheit über die Produkte behalten. Als Asset Manager muss man sich darauf einstellen.
Wie entwickelte sich vor diesem Hintergrund Ihr Wholesale-Geschäft insgesamt?
Tölsner: In den vergangenen drei Jahren konnten wir das Geschäft mit Banken in Deutschland verdoppeln. Dazu trägt maßgeblich die Vertriebspartnerschaft mit zwei deutschen Instituten bei, die auch in Österreich aktiv sind. Ein anderer Schwerpunkt ist die Ausweitung unserer Position bei deutschen Sparkassen. Daneben spielen Vermögensverwalter und Family Offices sowie Dachfonds eine wichtige Rolle. Wir haben in den vergangenen Jahren nicht nur neue Türen geöffnet. Vielmehr werden wir von vielen der Institutionen, mit denen wir als strategischer Partner zusammenarbeiten, durch den Haupteingang hereingebeten.
Stocken Sie angesichts dieses Wachstums personell auf?
Tölsner: Deutschland und Österreich sind eine Kernregion für uns. Wir haben unser Team in den letzten drei Jahren von zwölf auf 18 Mitarbeiter vergrößert. Unser Geschäft vor Ort wollen wir in den nächsten sechs Jahren erneut verdoppeln, damit wird auch unser Personal weiter wachsen. Wir haben in unsere Plattform, unsere Mitarbeitenden und die erforderlichen Kompetenzen investiert, um ein starkes Fundament für die nächste Wachstumsphase zu legen.
Wollen Sie weitere oder neue Produkte in den Fokus rücken?
Tölsner: Das Prinzip der Capital Group ist, seit Jahren oder Jahrzehnten bestehende Strategien immer wieder zu verbessern und weiterzuentwickeln. Wir wollen nicht auf neue Trends aufspringen, bloß weil kurzfristig eine hohe Nachfrage herrscht. So lehnen wir etwa Themenfonds ab. Diese werden oft gestartet, wenn der Trend eigentlich schon seinen Höhepunkt überschritten hat. Zudem können sie in einem Kundenportfolio zu einseitigen Ausrichtungen führen.
Aber an künstlicher Intelligenz scheint niemand vorbeizukommen.
Tölsner: Es ist natürlich wichtig, Investmentthemen wie künstliche Intelligenz zu verfolgen. Diese finden sich aber gesamtheitlich in unseren Aktienstrategien wieder. Wir wollen uns nicht auf ein Thema isoliert beschränken lassen.
Eine weitere aktuelle Entwicklung sind börsengehandelte Fonds, kurz ETFs. Auch Ihr Haus baut in Europa eine Abteilung für aktive ETFs auf. Wie kommen Sie voran?
Tölsner: Aktive ETFs zählen zu den wichtigsten Vorhaben für uns im deutschen und österreichischen Markt. In den USA haben wir vor gut vier Jahren begonnen, aktive ETFs aufzulegen. Mittlerweile verwalten wir in unseren aktiven ETFs in Nordamerika rund 160 Milliarden US-Dollar. Jetzt haben wir einen wichtigen Schritt beim Ausbau unseres Angebots in Europa gemacht: Wir haben von der Central Bank of Ireland die aufsichtsrechtliche Genehmigung für unsere ersten aktiven UCITS-ETFs erhalten. Wir planen, im ersten Quartal 2027 zunächst vier Strategien aufzulegen. Für uns sind aktive ETFs ein weiterer Weg, Kunden Zugang zu unserem aktiven Investmentmanagement zu geben.
Was bedeutet das?
Tölsner: Zum Start planen wir drei Aktienstrategien – Global Growth Equity, US Core Equity und US Dividend Value – sowie mit Global Bond Plus eine Anleihenstrategie. Diese Palette aktiver ETFs ist als zentraler Baustein für langfristig ausgerichtete Anlegerportfolios konzipiert.
Werden die aktiven ETFs einfach bestehende Publikumsfonds eins zu eins kopieren?
Tölsner: Nicht ganz. Die neuen aktiven ETFs basieren auf derselben Investmentphilosophie, Research-Plattform und langfristigen Ausrichtung, die auch vielen unserer bestehenden Strategien zugrunde liegen. Sie sind jedoch nicht als Eins-zu-eins-Kopien von Publikumsfonds gedacht. Jedes Anlagevehikel wird so gestaltet, dass es den jeweiligen Anforderungen an die Portfoliokonstruktion und den Bedürfnissen der Anleger gerecht wird.
Wenn Philosophie und Ziele gleich sind, wo genau liegt dann der Unterschied? Viele Anbieter begrenzen bei aktiven ETFs ja einfach die mögliche Abweichung vom Vergleichsindex.
Tölsner: Wir sehen in einem aktiven ETF keinen anderen Investmentansatz, sondern einen anderen Zugang zu aktivem Management. Ziel ist es, Anlegern die Vorteile eines ETFs zu bieten und zugleich unserem langfristigen, Research-getriebenen Investmentansatz treu zu bleiben. Wir wollen unseren Investmentansatz nicht neu erfinden; wir wollen ihn über die Anlagevehikel zugänglich machen, die unsere Kunden bevorzugen.
Wollen Sie mit den aktiven ETFs auf neuen Kanälen präsent sein, etwa bei den Neobrokern?
Tölsner: Mit aktiven ETFs erscheinen Asset Manager bei Neobrokern und Direktbanken sicherlich attraktiver. Doch ein wesentlicher Unterschied zu passiven Produkten ist, dass bei aktiven ETFs noch eine Beratung erfolgen sollte. Passive Ansätze eignen sich gut für selbstbestimmte Privatanleger. Wir richten uns eher an Vermögensverwalter oder Dachfondsmanager. Einige davon nutzen ausschließlich ETFs und setzen bislang auf rein passive Strategien. Aktive ETFs öffnen uns auch das Tor zu dieser Gruppe.
Drücken aktive Strategien im Mantel eines ETFs nicht die Preise und damit die Einnahmen eines Asset Managers?
Tölsner: Mit 3,6 Billionen US-Dollar verwaltetem Vermögen sind wir der größte aktive Asset Manager der Welt. Gleichzeitig konzentrieren wir uns auf eine vergleichsweise kleine Zahl von rund 40 Investmentstrategien, in denen wir jeweils erhebliche Volumina verwalten. Dadurch entstehen Skaleneffekte, die es uns ermöglichen, auch bei aktiven ETFs wettbewerbsfähige Gebühren anzubieten und gleichzeitig weiter in unser Investmentmanagement und Research zu investieren, die unseren aktiven Investmentansatz tragen. Für uns sind aktive ETFs dabei in erster Linie ein zusätzliches Vehikel, über das Kunden Zugang zu unseren aktiven Investmentstrategien erhalten. Am zugrunde liegenden Investmentansatz ändert sich dadurch nichts.
Vielen Dank für das Gespräch. (ert)




Vortrag am FONDS professionell KONGRESS









