"Der Kostendeckel ist eine Riesenchance für unsere Branche!"
Ferdinand Haas war Produktchef der DWS, jetzt setzt er sich dafür ein, günstige Anteilsklassen aktiv gemanagter Fonds für Privatanleger zu öffnen. Das Konzept geht offenbar auf – und könnte auch ein Thema fürs Altersvorsorgedepot werden, wie Haas im Interview mit FONDS professionell ONLINE verrät.
Ferdinand Haas gehört zu den wenigen Vertretern der Branche, die sowohl die Welt des freien Finanzvertriebs als auch das Geschäft mit milliardenschweren institutionellen Investoren von innen kennen. Nach vielen Jahren im Vorstand des Maklerpools BCA und im Topmanagement der DWS ist er nun sein eigener Herr – und getrieben von der Vision, Privatanlegern eine Geldanlage in einer Qualität und zu Konditionen zu ermöglichen, wie sie sonst nur Großinvestoren offensteht.
Gelingen soll das über eine Kooperation mit der Fondsnet-Gruppe und deren Vermögensverwaltungstochter Reuss Private Bank. Mit seinem Unternehmen Portfolio Selection berät er unter anderem die "Aktiv Portfolios" des Hauses. Insbesondere der jüngste Spross dieser Familie fondsgebundener Vermögensverwaltungen käme auch fürs Altersvorsorgedepot in Frage, erläutert Haas im Interview mit FONDS professionell ONLINE.
Herr Haas, seit Anfang vergangenen Jahres bietet die Fondsnet-Gruppe Beratern Zugang zu sehr günstigen Anteilsklassen aktiv gemanagter Fonds, "Alpha Selection" genannt. Ein erstes Zwischenfazit vor sechs Monaten fiel sehr positiv aus: Alle 17 Fonds konnten ihre jeweilige Morningstar-Vergleichsgruppe im Jahr 2025 übertreffen, und zwar um durchschnittlich fast 2,9 Prozentpunkte. Funktioniert der Ansatz weiterhin?
Ferdinand Haas: Auf jeden Fall. 16 der 17 Fonds lagen in den zwölf Monaten bis Ende Juni 2026 vor ihrer Vergleichsgruppe, nur einer leicht darunter. Im Schnitt beträgt die Outperformance knapp 3,9 Prozentpunkte. Das spiegelt sich auch in der Entwicklung der mittlerweile vier "Aktiv Portfolios" wider – so heißt die Fondsvermögensverwaltung, die mit den "Alpha Selection"-Fonds bestückt wird. Deren Performance im ersten Halbjahr lag teils sehr deutlich vor der ihrer Benchmark, und ihr Risiko-Rendite-Profil ist wesentlich besser als das der meisten anderen Fondsvermögensverwaltungen (siehe Grafik unten, Anm. d. Red.). Bestes Beispiel ist das Ende vergangenen Jahres lancierte "Aktiv Portfolio Aktien Welt", das den MSCI World seither um rund sechs Prozentpunkte hinter sich lassen konnte. Intern nennen wir dieses Portfolio "MSCI World Killer". Unser Ziel ist es, den Weltaktienindex mit schöner Regelmäßigkeit zu übertreffen, um den Beratern eine Alternative zu den omnipräsenten Weltaktien-ETFs bieten zu können.
Die Performance von gut sechs Monaten ist allerdings noch nicht sonderlich aussagekräftig.
Haas: Das stimmt. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass diese Wertentwicklung kein Zufall ist.
Weil?
Haas: Aktives Asset Management kann Mehrwert bieten, wenn – und das ist entscheidend! – die Kosten die Outperformance nicht auffressen. Es gibt eine ganze Reihe meist quantitativ gemanagter Anlagestrategien verschiedener Asset Manager, die seit Langem Jahr für Jahr sehr verlässlich Alpha liefern. Wichtig in diesem Zusammenhang: Eine stabil hohe Erfolgsquote ist aus statistischer Sicht deutlich aussagekräftiger als die kumulierte Performance. Diese Strategien wurden lange fast ausschließlich institutionellen Investoren angeboten. Die Retail-Anteilsklassen, sofern es sie überhaupt gab, waren so teuer, dass vom Alpha wenig übrigblieb. Mein Ehrgeiz war, das zu ändern, daher habe ich mit den Asset Managern verhandelt, ihre günstigen Anteilsklassen zumindest im Rahmen der Vermögensverwaltung auch für kleinere Anlagesummen zu öffnen. Das ist mir zwar nicht bei allen, aber doch bei mehreren gelungen.
Dieses "kleine" Geld ist für die Anbieter doch kaum attraktiv, oder?
Haas: Ich kann den Asset Managern durchaus relevante Anlagebeträge in Aussicht stellen, auch dank eines anderen Beratungsmandats für einen großen Investor. Hinzu kommt, dass ich die Anbieter davon überzeugen konnte, Teil einer durchweg positiven Geschichte zu werden: Wenn die Anleger gut und günstig investieren, erwirtschaften sie eine höhere Rendite, was über kurz oder lang zu weiteren Mittelzuflüssen führt. Das geht so weit, dass wir gemeinsam mit Invesco jüngst eine quantitative Europaaktien-Strategie, die es schon seit 1999 gibt und die seither fast zwei Prozent Alpha per annum erzielen konnte, erstmals in einen Publikumsfonds bringen konnten. Die laufenden Kosten dieser Anteilsklasse betragen nur 25 Basispunkte. Höflich formuliert: Die Wahrscheinlichkeit, damit einen ETF auf den MSCI Europe zu schlagen, halte ich für sehr hoch. Aktuell verhandele ich mit einem anderen Fondsanbieter darüber, uns eine seit Jahren erfolgreiche Frontier-Markets-Debt-Strategie für 15 Basispunkte zu öffnen. Das entspricht den Konditionen, die sonst nur große Staatsfonds bekommen.
Damit haben Sie billige "Bausteine" für die Vermögensverwaltung. Das garantiert aber noch nicht, dass dieses Anlageprodukt auch für den Endkunden günstig ist.
Haas: Das stimmt, dafür müssen sich auch die anderen Teile der Kette mäßigen. Die Kostenstruktur des "MSCI World Killer" zeigt das gut: Die Reuss Private Bank als Vermögensverwalter und die FFB als Fondsplattform erhalten in Summe 0,19 Prozent, mein Unternehmen Portfolio Selection für das Advisory 0,01 Prozent. Weitere 0,25 Prozent sind als Vergütung für die Berater vorgesehen. Macht 0,45 Prozent zuzüglich Mehrwertsteuer. Die Fondskosten liegen bei rund 0,35 bis höchstens 0,4 Prozent. Damit bleiben wir in Summe insgesamt deutlich unter einem Prozent. Dank dieser Kostenstruktur und der Outperformance der darunterliegenden Fonds erwarten wir, den Weltaktienindex nach Kosten verlässlich und signifikant schlagen zu können. Damit kann ein Berater einem Kunden, der vermutet, sein Geld wäre in einem MSCI-World-ETF besser aufgehoben, eine attraktive Alternative bieten. Schließlich bleibt ein herkömmlicher ETF nach Kosten garantiert hinter seinem Index zurück. Es ist ein Drama, dass die allermeisten Anleger das einfach so hinnehmen.
Hinzu kommt, dass vielen Privatanlegern gar nicht bewusst sein dürfte, wie teuer eine ETF-Order mitunter ist.
Haas: Absolut richtig. Was Privatanlegern im ETF-Handel teils an Gebühren abgenommen wird, ist eine Frechheit und ein Thema für sich. An dieser Stelle ist ein klassischer Publikumsfonds, bei dem Investoren zum Nettoinventarwert ein- und aussteigen können, viel günstiger. Doch zurück zum "MSCI World Killer": Ein weiteres Ziel ist, damit gewissermaßen eine Blaupause für das Altersvorsorgedepot zu liefern.
Sie möchten diese Vermögensverwaltung als Altersvorsorgevertrag anbieten?
Haas: Noch ist nichts spruchreif, aber die Produktentwicklung ist angelaufen. Die Konzepte zum Altersvorsorgedepot, die mir bislang unterkamen, haben mich allesamt enttäuscht. Manche Anbieter planen, aktive ETFs ohne Track Record zu verwenden, andere setzen auf passive ETFs, die nach Kosten wie erwähnt keine Outperformance liefern können. Das kann doch nicht der Anspruch sein!
Sind Sie zum 1. Januar 2027 denn schon startklar?
Haas: Wahrscheinlich nicht, aber darauf kommt es auch nicht an. Qualität geht in diesem Fall vor Geschwindigkeit. Ziel muss sein, ein gutes Produkt zu entwickeln und dann einen belastbaren Track Record aufzubauen. Anfangs steckt in den Altersvorsorgedepots ohnehin noch kaum Geld, das Volumen wird ja erst über die Zeit aufgebaut.
Es dürfte zu einigen Umdeckungen aus Riester-Verträgen kommen.
Haas: Ja, richtig interessant ist dieses Geschäft aber erst in einigen Jahren. Dann wird es erste enttäuschte Sparer geben, die sich nach Alternativen umsehen. Und der Anbieterwechsel ist beim Altersvorsorgedepot zum Glück ja noch viel leichter als bei Riester.
Haben Sie den "MSCI World Killer" bewusst so konstruiert, dass die Gesamtkosten sogar unter dem Kostendeckel für das Standarddepot bleiben?
Haas: Zu Jahresbeginn war ja noch offen, ob es überhaupt einen Kostendeckel geben wird oder nicht, aber auf dieses Szenario haben wir uns durchaus bewusst eingestellt. Auch wenn viele Fondsanbieter und Finanzvertriebe jammern: Der Kostendeckel ist eine Riesenchance für unsere Branche! Wir müssen endlich aufhören, den Kunden schlechte Produkte zu überhöhten Preisen anzudrehen. Uns allen muss daran gelegen sein, dass die Privatanleger unterm Strich eine vernünftige Performance erzielen. Das ist schließlich unser Job. Kurzfristig mag es für viele Marktteilnehmer schmerzhaft sein, auf Einnahmen in gewohnter Höhe zu verzichten, langfristig führt aber kein Weg daran vorbei. Sonst geht das Vertrauen in unsere Branche verloren.
Vielen Dank für das Gespräch. (bm)
Rendite und Volatilität der "Aktiv Portfolios"
(Zeitraum: 01.01.2026 bis 30.06.2026)

Hellgrüne Punkte: Andere Vermögensverwaltungen auf der Reuss-Plattform; Quelle: Reuss Private Bank für Wertpapierhandel















