Mit dem technischen Fortschritt gehen manche Branchen und Berufe unter, neue steigen auf. Welche Auswirkungen heiß diskutierte Techniken auf die Fondsindustrie haben – und wo die Erwartungen übertrieben erscheinen – erläutert Wesselin Kurschev von der Strategieberatungsgesellschaft Capco. Der Branchenkenner arbeitete zuvor unter anderem bei Sal. Oppenheim und Allianz Global Investors.


Herr Kruschev, immer wieder ist zu hören, dass die Digitalisierung die Fondsindustrie nun erreichen und die Strukturen umkrempeln wird – wie es zuvor in anderen Branchen geschehen ist. Steht der Fondsvertrieb vor einem Umbruch?

Wesselin Kruschev: Die Digitalisierung wird nicht so brutal in der Vermögensverwaltung zuschlagen. Denn hier spielt immer noch das Vertrauen eine große Rolle. Gerade beim Thema Geld lässt sich Vertrauen schlecht ersetzen oder digitalisieren.

Dennoch erzielten Online-Vermögensverwalter zumindest Achtungserfolge. Der Robo Advisor Scalable Capital etwa verwaltet mehr als eine Milliarde Euro.

Kruschev: Das gelang aber auch durch Kooperationen mit etablierten Akteuren. Die "Maschinen" eines Robos sind der einfachere Teil. Viel schwieriger ist es, das Vertrauen der Kunden zu gewinnen. So investieren Robo Advisor wie Scalable oder Nutmeg überwiegend in Werbung. Diese soll Vertrauen schaffen – oder vielmehr eine Vertrauensanmutung. Persönlich erscheint mir Robo Advice für den Bereich der institutionellen Investoren aussichtsreicher.

Wie kommen Sie darauf?

Kruschev: Die Voraussetzungen für eine Automatisierung sind hier besser. Denn das Volumen ist groß und die Produkte sind individuell zugeschnitten, auch wenn die Margen geringer sind. Die Spezifikationen ließen sich für jeden Kunden über eine Art Anlagekonfigurator abbilden und umsetzen. Auch im Reporting könnten Robos die Prozesse rasch optimieren. Mit geringerem Investitionsaufwand ließe sich im institutionellen Feld daher schneller Volumen aufbauen als im Retailbereich. Die digitale Affinität der Akteure ist im institutionellen Bereich aber noch nicht stark ausgeprägt.

Endkunden fehlt das Vertrauen, institutionellen Investoren das Interesse an digitalen Asset-Management-Angeboten. Verschont die Digitalisierung am Ende also die Branche?

Kruschev: Ganz so einfach wird es leider nicht. Im Retailvertrieb etwa könnte die Digitalisierung dazu führen, dass Intermediäre übersprungen werden. Die großen Fondsanbieter scheuen dies bislang jedoch. Sie haben kein Interesse, Vermittler zu übergehen. Allenfalls kleine, junge Anbieter, die nichts zu verlieren haben, könnten Vermittler überspringen. Es erscheint aber fraglich, ob sie genug Geld einholen können.

Also bleibt doch alles beim Alten im Fondsvertrieb?

Kruschev: Nein, es wird durchaus Veränderungen geben. Mit einer Verknüpfung aus stationärem und digitalem Vertrieb können Asset Manager die Vermittler so an sich binden, dass sie exklusiv für sie arbeiten. Über diese Schiene versuchen die großen Häuser, den Verdrängungswettbewerb fortzusetzen. Im Endeffekt führt dies dazu, dass das Modell des unabhängigen Beraters immer weiter zurückgedrängt wird.


Welche Veränderungen noch auf den Fondsvertrieb und seine Akteure zukommen, lesen Sie im neuen Heft 1/2019 von FONDS professionell im Artikel "Anschluss gesucht" ab Seite 270. Angemeldete KLUB-Mitglieder finden den Artikel auch hier im E-Magazin.


Was ist der Grund?

Kruschev: Die von den Aufsehern definierten regulatorischen Pflichten bringen in der Praxis einen hohen Aufwand mit sich. Die Berater werden im eigenen Interesse nur dort aktiv sein, wo ihr Aufwand minimiert und der Ertrag entsprechend hoch ist. Dies führt letztlich zu einer geringeren Angebotsvielfalt. Je mehr Zeit ein Berater unproduktiv verwendet, desto eher wird er sich auf bestimmte Fonds oder Kundengruppen mit entsprechend geringerem Beratungsaufwand oder höheren Erträgen konzentrieren.

Also ist die Regulierung die treibende Kraft eines Wandels?

Kruschev: In gewisser Weise schon. Die geschilderte Entwicklung ließ sich nach dem Provisionsverbot in Großbritannien und in den Niederlanden bereits beobachten. Regulierung an sich ist natürlich wichtig. Aber die Grenze zur Bürokratie ist oftmals fließend und nützt weder Kunden noch Anbietern.

Ein weiteres Thema, das Beachtung findet, ist Künstliche Intelligenz. Ersetzt diese bald Portfoliomanager aus Fleisch und Blut?

Kruschev: Von echten selbstlernenden Systemen sind wir noch eine ganzes Stück entfernt. Und dann würde dies den Regulierer auf den Plan rufen, falls sich die Entscheidungen der künstlichen Intelligenz nicht vollständig nachvollziehen lassen. Ich plädiere bei dem Thema dafür, die menschlichen Fähigkeiten nicht zu unterschätzen, bevor der Künstlichen Intelligenz blind vertraut wird.

Vielen Dank für das Gespräch. (ert)