Die Fondsgesellschaft DWS hat Strafanzeigen gegen die frühere Wirecard-Führung gestellt und lotet weitere rechtliche Schritt gegen Schlüsselakteure in dem Skandal aus. Dies berichtete die DWS-Spitze auf der Hauptversammlung der Deutsche-Bank-Tochter. Das Haus habe gegen "Mitglieder des ehemaligen Vorstands und andere Führungskräfte von Wirecard kürzlich Strafanzeigen erstattet und zivilrechtliche Ansprüche geltend gemacht", sagte Chefanlagestratege Stefan Kreuzkamp auf dem virtuell abgehaltenen Aktionärstreff.

DWS-Chef Asoka Wöhrmann hatte wenige Tage zuvor in einem Interview angekündigt, Strafanzeigen stellen zu wollen. Zudem bezifferte er die Ansprüche, die der Asset Manager in dem Wirecard-Insolvenzverfahren geltend macht, auf insgesamt rund 600 Millionen Euro. Auf dem Aktionärstreffen betonte Kreuzkamp zudem, dass die Gesellschaft "alle erfolgversprechenden Maßnahmen" ergreifen werde, um die Verluste wett zu machen, welche die DWS-Fonds durch den Betrug erlitten.

Auch die Bafin im Visier
Auf Rückfrage eines Aktionärs schloss Kreuzkamp zudem nicht aus, dass auch Haftungsansprüche gegen die Finanzaufsicht Bafin sowie den deutschen Staat geprüft würden. Sein Haus erwäge Schadenersatzforderungen "gegenüber anderen beteiligten Parteien." DWS-Aufsichtsratschef Karl von Rohr zählte auch den Wirecard-Wirtschaftsprüfer EY dazu. Das Unternehmen hatte jahrelang die Abschlüsse des Zahlungsabwicklers abgenickt.

Erst eine Sonderprüfung von KPMG bestätigte den zuvor in Medienberichten vorgebrachten Verdacht, dass in dem Konzern ein Milliardenbetrag fehlt. Daher entschloss sich die DWS-Spitze, die hauseigene Bilanz weiterhin von KPMG testieren zu lassen. Eigentlich war ein Wechsel zu EY geplant gewesen. Dieser sei jedoch "rein vorsorglich" abgeblasen worden, "um mögliche Interessenkonflikte zu vermeiden", betonte von Rohr. Die DWS-Aktionäre stimmten dem zu.

"Blickkontakt gefährlich für die Ermittlungen"
Kreuzkamp schilderte bei der Hauptversammlung zudem, weshalb sich die Fondsmanager vom Ex-Wirecardchef Markus Braun und Aufsichtsratschef Thomas Eichelmann getäuscht fühlen. So hätten die beiden in einem Treffen und einem Telefonat nach der Vorlage des vorläufigen KPMG-Berichts den Eindruck erweckt, dass die endgültige Version den Vorwurf des Bilanzbetrugs entkräften würde. DWS-Fonds hatten Wirecard-Aktien zeitweilig deutlich übergewichtet.

Derweil sollen der ehemalige Wirecard-Lenker Braun sowie zwei Zeugen vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestags in Berlin aussagen. Die beiden Kronzeugen werden aber wegen Bedenken der Staatsanwaltschaft nur per Video zugeschaltet. Braun habe nach derzeitigem Ermittlungsstand ein kriminelles Netzwerk aufgebaut, das von "militärisch-kameradschaftlichem Korpsgeist und Treueschwüren" geprägt gewesen sei, zitiert der Nachrichtendienst Bloomberg aus einer E-Mail der Staatsanwaltschaft. Vor diesem Hintergrund sei "jeder Kontakt, und sei es nur Blickkontakt, gefährlich für die Ermittlungen", da die aussagewilligen Zeugen in dem Verfahren von den anderen als "Verräter" angesehen würden. (ert)