Ehrlichkeit und das daraus geschöpfte Vertrauen sind laut dem österreichisch-schweizerischen Wirtschaftswissenschafter Ernst Fehr der Grundpfeiler sämtlicher wirtschaftlicher Beziehungen mit Fremden. Unser Wohlstand basiere im Wesentlichen auf dem Faktor Produktivitätsgewinn. Treiber dieser Entwicklung seien einerseits Arbeitsteilung und Spezialisierung gewesen – vor allem jedoch auch Tausch mit Fremden, also anderen Gruppen oder Ländern, so der Mitbegründer der Neuroökonomie in einem Vortrag, den er auf Einladung der Zürcher Kantonalbank Österreich in Wien hielt.

Unehrlichkeit und Misstrauen sind größte Handelshemmnisse
Unehrlichkeit mag zwar spontan einer Einzelperson Vorteile verschaffen, ruft aber langfristig enorme Probleme hervor. "Kooperative Neigungen und kooperative Normen sind entscheidende Voraussetzungen für das Funktionieren der Marktwirtschaft", wird Fehr in einer Aussendung der Zürcher Kantonalbank zitiert. Tausch zwischen Fremden beruhe auf der Einhaltung von Versprechen und Ehrlichkeit. "Durch Unehrlichkeit jedes Einzelnen wird ein Land auf den ersten Blick nicht ärmer, es erfolgt eine Umverteilung", erklärt der Experte. Daraus entstehen weit verzweigte Kollateralschäden. Wirtschaftliche Transaktionen bleiben aus, Investitionen gehen zurück, der technische Fortschritt gerät ins Stocken. Letztendlich wird das Vertrauen zerstört. Laut Fehr kann eine Gesellschaft nur dann ehrlich sein, wenn institutionelle, kulturelle, psychologische sowie neurobiologische Voraussetzungen erfüllt sind.

Diese Betrachtung ist gerade für die Finanzwirtschaft mehrfach interessant: Es unterstützt zum Beispiel die Ansicht von Ethik-bewussten Investoren, die streng darauf schauen, wie ein Unternehmen mit den Stake- und Shareholdern kommuniziert. Interessant sind die Ansichten aber auch, wenn man konkrete Skandale wie den Cum-Ex-Fall betrachtet, wo man wohl von einem Versagen auf allen Linien sprechen muss: Der Staat hat weggesehen, gewisse Banken hatten eine miserable Unternehmenskultur und die Persönlichkeitsstruktur handelnder Menschen war ausreichend skrupellos, um dem allgemeinen Steuersystem hohe Beträge zu entnehmen.

Ehrlichkeit neurologisch messbar
Interessant ist, dass Ehrlichkeit oder ihre Kehrseite auch auf neurobiologischer Ebene klar gemessen werden können. Untersuchungen zeigen, dass im Gehirn die Neuronen aktiver sind, wenn der Mensch der Versuchung, unehrlich zu sein, widersteht. In einer Studie erhielten Testpersonen Geldbeträge, wenn sie bestimmte Zahlen würfelten. Jeder Teilnehmer hatte zehn Versuche und musste danach angeben, wie oft er die Gewinnzahlen gewürfelt hat. Die Erfolgsrate lag bei fast 70 Prozent und somit weit über den statistisch wahrscheinlichen rund 50 Prozent. Die Lügenrate wurde mit 37 Prozent beziffert.

Allerdings kann diese Lügenrate manipuliert werden: Die Wissenschaftler legten den Probanden eine Anode und eine Kathode an. Durch sanfte, ungefährliche elektrische Impulse wurden die Neuronen im betreffenden Gehirnareal aktiviert – mit deutlich messbaren Folgen: Die Lügenrate konnte auf 15 Prozent gesenkt werden. Eine Ernüchterung hält der Versuch aber bereit: "Die Versuche ergaben, dass nur Menschen, die sich durch die Versuchung in einem moralischen Konflikt befinden, beeinflusst werden können. Ist jemand der Ansicht, dass sein Verhalten rechtens ist, kann man ihn nicht beeinflussen", erklärte Fehr. Das Gehirn der Menschen mit Gewissensbissen lässt sich hingegen möglicherweise sogar trainieren, um ehrlicher zu werden – das sei aber bisher nur eine Vermutung, unterstrich der Wissenschaftler.

"Vertrauenserhöhende Ehrlichkeit generiert wirtschaftlichen Erfolg", fasst Fehr zusammen. Das gelte auch im Bankwesen, denn "wichtigstes Asset einer Bank ist das Vertrauen der Kunden in dieselbige". (eml)