Nachhaltigkeit hat sich in der Fondsbranche zum ganz großen Trend entwickelt. Die Fondstochter der Evangelischen Bank, die EB – Sustainable Investment Management (EB-SIM), legte bereits vor 30 Jahren einen nachhaltig investierenden Aktienfonds auf. Oliver Pfeil, Geschäftsführer und Investmentchef der Gesellschaft, hat mit FONDS professionell ONLINE darüber gesprochen, wie er den Begriff ESG definiert und wie die Fonds der EB-SIM anlegen.


Herr Pfeil, fragt man Fondsanbieter, seit wann sie eigentlich auf Nachhaltigkeit setzen, dann sagen die meisten: "Eigentlich tun wir das schon immer." Seit wann beschäftigt sich Ihr Haus denn mit diesem Thema?

Oliver Pfeil: Die EB-SIM ist eine Ausgründung der Evangelischen Bank. Diese ist mit ihrem christlichen Hintergrund auf die Themen Wahrung der Schöpfung, nachhaltiges Wirtschaften und soziales Engagement ausgerichtet. Vor diesem Hintergrund ist Nachhaltigkeit tatsächlich schon immer Teil unseres Handelns. Das zeigt sich allein schon daran, dass wir bereits vor 30 Jahren den EB-Öko-Aktienfonds aufgelegt haben. Der Fonds ist 1991 an den Start gegangen, als der Begriff "nachhaltiges Investieren" noch nicht einmal existierte.

Heute wird unter dem Deckmantel der Nachhaltigkeit viel Green-Washing betrieben. Wie definiert die EB-SIM den Begriff "nachhaltige Investments"?

Pfeil: Wir verwenden den Terminus für Geldanlagen, bei denen Umwelt-, soziale und Governance-Aspekte in die Anlageentscheidungen einbezogen werden. Und das meine ich nicht im Sinne von "ein bisschen", sondern zu 100 Prozent. Das heißt, wir wollen sicherstellen, dass die Investments in unseren Fonds wirklich keinerlei negative Wirkungen haben. Wir schauen immer holistisch auf das E, das S und das G und nicht nur fokussiert auf einen Faktor. Ich denke, das unterscheidet uns von anderen Anbietern. 

Das klingt gut, aber wie genau sieht der Investmentprozess aus, der dahintersteht?

Pfeil: Wir richten alle unsere Anlagestrategien an den Zielen für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen, kurz den SDGs, aus und berücksichtigen darüber hinaus in sämtlichen Publikumsfonds und Mandaten die Klimaziele der Europäischen Union. Auf dieser Basis haben wir einen mehrstufigen Investmentprozess etabliert. Das Verfahren beginnt mit einem Negativ-Screening, das zu werte- und wirkungsbasierten Ausschlüssen führt.

Moment, was genau ist mit werte- und wirkungsbasiert gemeint?

Pfeil: Wertebasiert bedeutet, dass wir beispielsweise nicht in Ländern investieren, in denen Menschenrechte verletzt werden, oder nicht in Unternehmen, die etwa in der Embryonenforschung tätig sind. Mit wirkungsbasiert ist gemeint, dass wir Firmen ausschließen, die zwar zu unseren Werten passen, die aber eine negative Wirkung auf bestimmte Nachhaltigkeitsfaktoren haben.

Die also zum Beispiel viel CO2 ausstoßen?

Pfeil: Ja, zum Beispiel. Darüber hinaus gibt es bei unseren Impact-Produkten, zu denen auch der EB-Öko-Aktienfonds gehört, noch ein Positiv-Screening. Dabei werden zusätzlich zum Ausschluss von Negativ-Kriterien die sogenannten ESG-Champions herausgefiltert. Um hier als Spitzenreiter zu gelten, muss ein Unternehmen zumindest in eine von drei Kategorien fallen. Entweder muss es einen sehr hohen Zielerreichungsgrad hinsichtlich der SDGs aufweisen oder in Bezug auf ESG besonders große Fortschritte machen. Zur dritten Kategorie zählen Firmen, die in Sachen Nachhaltigkeit in ihrem Sektor als führend gelten. Nachdem die Unternehmen über unser ESG-Scoring quantitativ bewertet worden sind, unterziehen wir die herausgefilterten Titel einer qualitativen Fundamentalanalyse. Natürlich haben wir auch ein kontinuierliches ESG-Monitoring installiert, in dem wir kontrollieren, ob die Unternehmen, an denen wir beteiligt sind, auch weiterhin ESG-konform arbeiten und es nicht zu Kontroversen kommt.

Betreiben Sie auch "Engagement", versuchen also, die Unternehmen zu einem nachhaltigeren Wirtschaften zu bewegen?

Pfeil: Ja, Engagement ist wichtiges Thema. Wir investieren wie gesagt nicht nur in ESG-Leader, sondern auch in Firmen, die sich nachweislich auf den Weg gemacht haben, nachhaltiger zu werden. Das ist für uns ein unterstützenwertes Ansinnen, schließlich wollen wir mit unserem Investment nicht nur bestrafen, indem wir nicht investieren, sondern auch belohnen. Wir treten mit diesen Unternehmen in den Dialog und setzen auch auf Stimmrechtsausübung, um einen notwendigen Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft voranzutreiben.

Die EU-Offenlegungsverordnung unterscheidet zwischen "hellgrünen" Fonds, die unter Artikel 8 einzustufen sind, und "dunkelgrünen" Fonds nach Artikel 9. Wie viele Fonds stufen Sie unter Artikel 8 und wie viele unter Artikel 9 ein?

Pfeil: Anders als viele Wettbewerber bieten wir ausschließlich Fonds an, die unter Artikel 8 oder Artikel 9 eingestuft sind. Wir haben sieben Artikel-8-Produkte und fünf Impact-Fonds nach Artikel 9. Vier davon sind geschlossene Fonds, der fünfte ist unser EB-Öko-Aktienfonds. Dieser ist von der Luxemburger Finanzaufsicht CSSF Ende Mai als Artikel-9-Produkt akzeptiert worden.

Ist es eine Herausforderung, einen Fonds als Artikel-9-Produkt einzustufen?

Pfeil: Der Prozess ist auf jeden Fall aufwendig, denn der Anerkennung geht ein intensiver Dialog der Kapitalverwaltungsgesellschaft mit der Aufsichtsbehörde voraus. Die KVG braucht auch einen Wirtschaftsprüfer, der bescheinigt, dass der betreffende Fonds Artikel-9-fähig ist. Dafür müssen Anbieter und Wirtschaftsprüfer sehr tief in das Portfolio hineinschauen.

Zuweilen verkaufen Fondsgesellschaften die Einstufung ihrer Sondervermögen unter Artikel 8 und 9 quasi als Prädikat und werben damit. In Wirklichkeit sind mit den beiden Artikeln aber keine qualitativen Vorgaben verbunden. Sehen Sie die Klassifizierung Ihrer Produkte als eine Art Gütesiegel?

Pfeil: Es stimmt, dass der Gesetzgeber für Artikel-8-Produkte keine Mindestkriterien definiert hat. Die Offenlegungsverordnung hat aber mehr Transparenz und einen einheitlichen Rahmen geschaffen, sodass Anleger Fonds unter Nachhaltigkeitsaspekten leichter vergleichen und beurteilen können. Offenlegung ist natürlich nicht mit Managementkontrolle gleichzusetzen. Impact-Fonds nach Artikel 9 verfolgen aber konkrete Nachhaltigkeitsziele, das leitet sich aus der Offenlegungsverordnung ab. Das Reporting zum Erreichen dieser Ziele erlaubt dann wieder Rückschlüsse auf die Managementqualität. Von daher ist eine Einstufung eines Fonds nach Artikel 9 schon ein gewisses Gütesiegel.

Ab 2022 kommt auf die Branche auch die Taxonomie-Verordnung zu, also das Klassifikationssystem, mit dem die Europäische Union festlegt, welche Wirtschaftsaktivität als nachhaltig gelten darf. Wird dieses Regelwerk Ihrer Ansicht nach tatsächlich zu mehr nachhaltigen Investments führen?

Pfeil: Generell ist die Taxonomie hilfreich, um Gelder in die richtigen Bahnen zu lenken. Allerdings fokussiert die Verordnung bislang nur auf Ökologie, und auch dort sind bisher nur die ersten beiden Nachhaltigkeitsziele mit konkreten Vorschlägen hinterlegt. Aus unserer Sicht müssen künftig aber auch soziale Ziele und Governance-Aspekte angegangen werden. Zudem würde ich mir wünschen, dass der EU-Gesetzgeber auch Privatanlegern einen einfachen Zugang zu illiquiden Assets wie Infrastruktur oder erneuerbaren Energien erlaubt. Das wäre wichtig, wenn Klimaziele wirklich erreicht werden sollen.

Vielen Dank für das Gespräch. (am)