Der Markt für börsengehandelte Fonds erlebt einen Boom – und steht vor einem Wandel. Denn immer mehr Servicegesellschaften betreten das Feld. Auch Europas größter Asset Manager Amundi öffnet seine ETF-Plattform für Drittanbieter. Der Leiter des neuen Bereichs, Gilles Dauphiné, erläutert im Interview die Gründe für den Schritt und erklärt, welche Strategie die Franzosen verfolgen – und er verrät, welchen Kundenwunsch sein Haus ablehnen würde.


Herr Dauphiné, Amundi hat eine eigene ETF-Plattform aufgebaut, auf der Sie eine große Bandbreite an Produkten bieten. Warum wollen Sie nun Drittanbietern die Auflage von ETFs ermöglichen?

Gilles Dauphiné: ETFs finden bei einer wachsenden Zahl an Finanzmarktakteuren einen immer größeren Anklang. Das Interesse kommt von vielen unterschiedlichen Kundengruppen: digitalen Vertriebsplattformen, Asset Managern und Vermögensverwaltern oder Privatbanken sowie institutionellen Investoren. Vor diesem Hintergrund erhielten wir immer mehr Anfragen, ob wir nicht als Partner für ETF-Auflagen bereitstehen können. Angesichts der anhaltenden Nachfrage haben wir beschlossen, unser White-Label-Geschäft zu starten. Immerhin ist Amundi der größte aus Europa stammende ETF-Anbieter.

Amundi weist ein im Vergleich zu anderen Vollsortimentern niedriges Aufwand-Ertrags-Verhältnis auf. Ihr Haus hat also eine effiziente Plattform aufgebaut. Warum behalten Sie Ihren Geschäftserfolg nicht für sich selbst, sondern gewähren Dritten Zugang?

Dauphiné: Unser Anspruch ist es, eine Anlaufstelle für viele verschiedene Belange zu bieten. Dies bettet sich in eine breitere Entwicklung und die Transformation unserer Industrie ein: Asset Manager müssen sich von einem Anbieter von Investmentprodukten zu einem umfassenden Dienstleister entwickeln. Bei Amundi bieten wir unseren Kunden neben Fonds und ETFs auch Technologielösungen sowie die Unterstützung bei der Abwicklung oder den Handelszugängen. Daher ergibt es für unser Geschäftsmodell Sinn, unsere Infrastruktur zu nutzen. Und wir beobachten eine sehr große Nachfrage nach ETFs und White-Label-Dienstleistungen.

Allerdings dringen inzwischen immer mehr Anbieter in das Geschäft. So hegen State Street, Waystone oder Universal Investment Pläne für einen Ausbau des ETF-White-Label-Geschäfts. Ihr Haus konkurriert also mit einigen anderen – und durchaus großen Akteuren.

Dauphiné: Das spiegelt schlicht das starke Wachstum des ETF-Marktes wider. Wir erhielten viele Anfragen von unseren Kunden. Zugleich nutzen immer mehr Menschen ETFs. Irgendwann war somit der Punkt erreicht, an dem wir uns entschieden, dass der Aufbau eines White-Label-ETF-Angebots Sinn ergibt. Die entscheidende Botschaft hinter dieser Entscheidung ist: Wir sind für unsere Kunden da und unterstützen sie entsprechend ihrer Anfragen.

Kann Amundi überhaupt als unvoreingenommener White-Label-Partner auftreten? Immerhin hat Ihr Haus eigene ETFs auf zahlreiche Segmente im Angebot. Ein Drittanbieter würde damit in Konkurrenz treten.

Dauphiné: Seit mehr als einem Jahrzehnt bieten wir Fonds-Hosting für traditionelle, aktive Investmentfonds an. Angesichts unseres Engagements ist es nur natürlich, dieses Angebot auf ETF-White-Labeling auszuweiten.

Setzen Sie auf größere Investmenthäuser, die mehrere Hundert Millionen oder gar Milliarden mitbringen, oder öffnen Sie Ihre Dienste auch für kleine Anbieter, die vielleicht nur ein oder zwei ETFs auflegen wollen?

Dauphiné: Unser Angebot ist modular aufgebaut und kann daher an unterschiedliche Größen angepasst werden. Davon abgesehen hängt dies auch vom Einzelfall und der jeweiligen Beziehung zum Kunden ab. Manche Anbieter wollen vielleicht nur einige wenige ETFs auflegen, um den Markt auszutesten, oder es eignen sich vielleicht auch nur einzelne ihrer Strategien für den ETF-Mantel. Andere Häuser wollen hingegen ein ganzes ETF-Sortiment aufbauen. Wir sind für alle Wege offen und wir bewerten jede Gelegenheit ganzheitlich.

Werden auch aktive ETFs ins Sortiment kommen?

Dauphiné: Wir werden sowohl aktive als auch indexbezogene ETFs auf unserer White-Label-Plattform anbieten. Unser Angebot ist immer modular aufgebaut und kann unterschiedliche Anforderungen erfüllen.

Werden aktive ETFs in Europa so erfolgreich sein wie in den USA?

Dauphiné: Über die vergangenen eineinhalb Jahre hat sich das verwaltete Vermögen aktiver ETFs in Europa verdoppelt. Bis 2029 wird eine Verdreifachung erwartet. Ich habe die Leitung des neuen Bereichs 'Aktive und White-Label-ETFs' übernommen, weil ich absolut davon überzeugt bin, dass dieses Feld stark wachsen wird. Seit ich das Amt vor gut einem Jahr übernommen habe, bin ich immer wieder von Neuem überrascht, wie groß das Interesse tatsächlich ist. Wir planen, bis 2028 insgesamt 20 neue aktive ETFs auf den Markt zu bringen.

Lehnen Sie auch Anfragen ab, weil sich die Strategien für einen ETF nicht eignen?

Dauphiné: Die Endkunden müssen eine gute Erfahrung mit ihren Investments machen. Wie bei jedem Anlageprodukt gehen wir auch bei der Entwicklung und Strukturierung eines ETFs sehr sorgfältig vor. Im Laufe der Gespräche mit potenziellen White-Label-Kunden filtern wir daher genau heraus, welche Produktidee sich wirklich für einen ETF eignet – und welche nicht. Viele der möglichen Kunden stammen aus der Welt der Publikumsfonds und kennen sich mit den Fragen des Handels, der Liquidität oder der Transparenz eines ETFs nicht bis ins letzte Detail aus. Da stehen wir zur Seite – und müssen manchmal auch die Erwartungen dämpfen.

Es kommen immer wieder ETFs auf Nischen auf den Markt, etwa auf forderungsbesicherte Verbriefungen, sogenannte Collateralized Loan Obligations, kurz CLOs. Wo ziehen Sie da eine Grenze?

Dauphiné: Bei manchen Nischenmärkten muss man differenziert vorgehen. Bei CLOs etwa gibt es große Unterschiede, ob wir von Verbriefungen sprechen, die mit der Ratingnote AAA bewertet sind oder mit einem einfachen B. Die Liquidität in dem jeweiligen Markt kann sich völlig unterschiedlich darstellen. Das muss man berücksichtigen. Unser Haus verfügt jedenfalls über große Erfahrung darin, Investments in sehr vielen Anlageklassen zu verwalten. Zudem ist es unsere Aufgabe, zu beurteilen, ob die Verwendung des ETF-Mantels sinnvoll ist, wobei wir uns auf die Gewährleistung von Liquidität und Transparenz konzentrieren.

Was halten Sie von semi-transparenten ETFs, die nicht täglich ihr Portfolio offenlegen?

Dauphiné: Wir führen regelmäßig Umfragen unter unseren Kunden durch. Die jüngsten Ergebnisse zeigen, dass neben günstigen Kosten und der einfachen Handelbarkeit die Transparenz als ausschlaggebend für die Wahl eines ETFs erachtet wird. Daher würde es uns nicht als angemessen erscheinen, dieses Merkmal aufzugeben. Wir bleiben der Transparenz treu.

Vielen Dank für das Gespräch. (ert)


Welche Strategien weitere Servicegesellschaften wie Universal Investment im Feld der ETFs verfolgen und welche neuen Akteure auf den Markt drängen, lesen Sie in der neuen Ausgabe 1/2026 von FONDS professionell, die Ende des Monats erscheint.