ETF-Vertriebschef: "Da haben viele Asset Manager keine Ahnung"
Börsengehandelte Fonds boomen. Das Wachstum lockt aktive Gesellschaften. Doch einige unterschätzen den Aufwand, der mit einem ETF-Start einhergeht, mahnt Claus Hecher von BNP Paribas AM. Sein Haus will das Angebot derweil ausbauen und den etablierten Branchenriesen die Stirn bieten.
Bei börsengehandelten Fonds, die Finanzmarktbarometer wie den Dax abbilden, tobt ein harter Preiskampf. Das Segment der aktiven ETFs erscheint vielen Neueinsteigern daher aussichtsreicher. Doch bestehende aktive Strategien einfach in den Mantel eines börsengehandelten Fonds zu packen, führt nicht automatisch zum Erfolg, meint Claus Hecher, der für BNP Paribas Asset Management den ETF-Vertrieb in Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie den nordischen Ländern leitet.
Trotz der harten Konkurrenz will sein Haus zum Vollsortimenter bei ETFs werden und damit den großen Passiv-Riesen wie Blackrocks iShares sowie Xtrackers der DWS entgegentreten. Zudem will BNP Paribas AM in eine Domäne vordringen, in der bislang Zertifikate-Anbieter dominieren.
Herr Hecher, ein großes Thema sind derzeit börsengehandelte Fonds, die Elemente des aktiven Managements aufweisen. Wachsen diese ETFs aus ihrer Nischenstellung heraus, die sie bisher einnehmen?
Claus Hecher: Aktive ETFs gewinnen an Fahrt – zwar noch von einer kleinen Basis ausgehend, aber die Wachstumsraten stimmen. Das Feld der indexnahen ETFs ist bereits gut mit Produkten abgedeckt. Daher rechnen sich viele der traditionellen Fondsanbieter eine bessere Position für sich aus, wenn sie ihre bestehenden aktiven Strategien in Form eines ETFs auf den Markt bringen möchten. Viele übersehen allerdings, dass das gar nicht so leicht ist.
Was unterscheidet die Auflage eines ETFs von der eines herkömmlichen Fonds?
Hecher: Bei einem ETF muss der Anbieter den gesamten Kapitalmarkt-Aspekt berücksichtigen, sprich: Er muss die Liquidität an der Börse sicherstellen. Auch der Prozess zur Erschaffung und Auflösung von Anteilen muss organisatorisch ordentlich aufgesetzt sein. Da haben viele Asset Manager schlichtweg keine Ahnung, welche Zusatzaufgaben im Vergleich zu einem herkömmlichen Fonds anfallen.
Scheitern so manche Neueinsteiger am Markt für aktive ETFs?
Hecher: Das Segment der aktiven ETFs ist noch relativ jung. Da kämen derartige Prognosen noch zu früh. Jedenfalls ließ sich auch bei etablierten Anbietern schon beobachten, dass die Outperformance aktiver Strategien in eine Underperformance kippte – und sich die Investoren plötzlich zurückhielten. Der Schlüssel zum Erfolg der aktiven ETFs wird die gegenüber dem Vergleichsindex gemessene Performance sein. Wie diese ausfällt, wird sich erst im Laufe der Zeit erweisen.
Welche Felder eignen sich überhaupt für aktive ETFs?
Hecher: Bei Anleihen erscheint die Wahrscheinlichkeit größer, mit aktivem Management eine höhere Rendite erzielen zu können. Das wäre also durchaus ein Feld für aktive ETFs. Bei Aktien dagegen ist es nicht so einfach, den Index zu schlagen. Aktien wären also tendenziell eher ein Spielfeld für klassische, indexbezogene ETFs. Doch auch hier eröffnen sich durchaus Optionen.
Auch Ihr Haus führt aktive ETFs. Worauf setzen Sie?
Hecher: Wir bieten zwei unterschiedliche Stränge an. Der eine setzt darauf, das Nachhaltigkeitsprofil durch ein optimiertes Portfolio zu schärfen. Damit sind wir erfolgreich. Wenn beispielsweise ein Mitbewerber einen ESG-Filter aufgibt, erhalten wir Anfragen zu unseren ESG-Strategien.
Wie meinen Sie das?
Hecher: Einige Investoren, gerade im professionellen und institutionellen Bereich, sehen sich weiterhin Nachhaltigkeitsmerkmalen verpflichtet. Wenn ein Anbieter also bei einem ETF etwa zuvor ausgeschlossene Titel wieder zulässt, müssen diese Anleger den Fonds verkaufen und nach einer neuen Lösung suchen. Dann kommen sie zu uns – und wir verzeichnen ein Wachstum bei ESG-Strategien.
Was ist der zweite Strang?
Hecher: Dabei handelt es sich um einen Multi-Faktor-Ansatz. Über ein quantitatives Modell soll eine gewisse Outperformance gegenüber dem Index erreicht werden. Zugleich soll die Abweichung vom Vergleichsbarometer nur gering ausfallen.
Sie bieten auch passive ETFs. Wollen Sie diesen Bereich ausbauen?
Hecher: Ja, unbedingt. Wir kommen bei passiven Strategien eher von der Nachhaltigkeitsseite. Damit haben wir uns einen Ruf erworben und ein gewisses Alleinstellungsmerkmal aufgebaut. Diese Palette ergänzen wir nun um klassische, passive ETFs auf Standardbarometer wie den S&P 500, den Euro Stoxx 50 oder den MSCI World.
Das Feld der Standardbarometer ist doch, wie schon erwähnt, dicht besetzt. Die Konkurrenz ist groß. Warum steigen Sie hier in den Ring?
Hecher: Gewisse Kundengruppen wünschen keine Nachhaltigkeit. Bei institutionellen Investoren oder Privatbanken und manchen Vermögensverwaltern sieht das zwar anders aus. Doch angesichts der Nachfrage-Entwicklung füllen wir unser Angebot systematisch mit traditionellen ETF-Bausteinen auf, um die gesamte Palette liefern zu können.
Sie wollen zu einem ETF-Vollsortimenter werden?
Hecher: Das ist Teil unserer Wachstumsstrategie. Bislang decken wir nur knapp die Hälfte des investierbaren ETF-Marktes ab. Das soll auf gut 95 Prozent steigen. Anleger sollen Produkte auf alle Segmente finden können. Eine breite Produktpalette ist unsere Eintrittskarte zu den Anlegern.
Das erfordert aber zunächst einmal hohe Investitionen in neue Produkte.
Hecher: Da wir spät in den Markt einsteigen, sind wir gezwungen, attraktive Gebühren zu bieten. Viele unserer neuen ETFs vermarkten wir für das erste Jahr zum halben Preis. So wollen wir einen Anreiz schaffen und auf unsere Produkte aufmerksam machen. Daneben verfolgen wir bei manchen Standardprodukten eine etwas andere Herangehensweise.
Was genau meinen Sie?
Hecher: Einen großen Bedarf sehen wir etwa bei Geldmarktprodukten. Dort gibt es höhere Zinsen als auf den meisten Bankkonten. So haben wir im Sommer einen ETF darauf gestartet. Dabei haben wir eine Abbildungsmethode entwickelt, die zu besseren Ergebnissen führt als bei bisherigen Geldmarkt-ETFs.
Wie gelingt das?
Hecher: Der Euro-Übernacht-Zinssatz ist nur synthetisch abbildbar. Unser Partner liefert die Performance über einen Swap. Dieser ist durch ein Trägerportfolio abgesichert. Dafür werden häufig Anleihen gewählt. Wir haben uns jedoch bewusst für einen Aktienkorb entschieden. Dieser liefert eine Zusatzrendite. Denn die Banken müssen die Aktien in ihren Handelsbüchern mit zusätzlichem Eigenkapital unterlegen. Das ist teuer – und beschert unserem ETF Zusatzeinnahmen. Eine weitere Besonderheit gilt nur für den deutschen Markt – und zwar in steuerlicher Hinsicht.
Was steckt dahinter?
Hecher: Da das Trägerportfolio aus Aktien besteht, handelt es sich per Definition um einen Aktienfonds. Somit erhalten Anleger die erhöhte Teilfreistellung bei der Besteuerung des ETF. Bei Anlegern kommt das Gesamtpaket gut an. In einem halben Jahr haben wir mehr als eine Milliarde Euro mit diesem Produkt eingesammelt.
Welche Felder wollen Sie noch abdecken?
Hecher: Wir beobachten eine Nachfrage nach strukturierten Produkten im ETF-Mantel. Dahinter verbergen sich etwa Strategien mit Absicherungsschwellen. Das Gewinnpotenzial ist begrenzt, das Verlustrisiko aber auch. Solche Ansätze firmieren in den USA unter dem Oberbegriff "Buffer-ETFs" und sind dort sehr erfolgreich. Außerdem werden Aktien-ETFs mit begrenztem jährlichen Gewinnpotenzial, aber relativ hohen Ausschüttungen, sogenannte Income ETFs, zunehmend beliebter. Insbesondere aus der Betreuung vermögender Privatkunden ist auch hier in Europa die Nachfrage groß. Das Verständnis für solche Strategien ist in diesem Segment gegeben. Daher werden wir in diese Richtung etwas liefern.
Hierzulande finden sich solche Strategien in Hülle und Fülle für Privatanleger – nämlich bei Zertifikaten. Können ETFs da wirklich Boden gut machen?
Hecher: In Deutschland bietet der Zertifikate-Markt tatsächlich schon seit Jahrzehnten solche Lösungen. Doch Investoren wünschen sich solche Strategien zunehmend im ETF-Format. Denn bei Zertifikaten stellen letztendlich nur die Emittenten die Liquidität sicher. Viele Anleger wünschen sich aber eine hohe Liquidität, große Transparenz sowie ständige Handelbarkeit. Zudem ziehen manche Investoren den Status des Sondervermögens vor. All das bietet ein ETF.
Vielen Dank für das Gespräch. (ert)




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