Die Fondsgesellschaft Fidelity International hat mit dem Daimler Vorsorge- und Versicherungsdienst einen wichtigen Kooperationspartner für seine neue digitale Vermögensverwaltung gewonnen. Dies sagte Fidelity-Deutschlandchef Ferdinand-Alexander Leisten im Interview mit FONDS professionell. Kern des Deals: Der Assekuranz- und Altersvorsorgedienst des Automobilkonzerns, der eigenen Angaben zufolge rund 160.000 Kunden betreut und 310.000 Versicherungsverträge verwaltet, stellt den Online-Berater Fidelity Wealth Expert den Mitarbeitern des Stuttgarter Konzerns zur Verfügung.

Fidelity hatte die digitale Vermögensverwaltung erst Mitte Oktober gestartet – und Deutschland als Pioniermarkt für das Angebot auserkoren. Anders als die meisten anderen Robo Advisor setzt das Investmenthaus auf aktives Management und verzichtet auf den Einsatz von börsengehandelten Indexfonds (ETFs). Die Vertriebspartnerschaft kann der Gesellschaft erhebliche Mittelzuflüsse bescheren. Platzhirsch Scalable Capital hatte über eine ähnliche Kooperation mit Siemens das verwaltete Vermögen rasant steigern können.

Für Furore sorgte Fidelity zudem mit einem neuen Gebührenmodell, das an die Outperformance der Portfolios gekoppelt ist. Zudem öffnete das Haus klassische, nicht an der Börse gehandelte Indexfonds für Privatanleger. Diese waren bislang institutionellen Anlegern vorbehalten. Wie die Initiativen ankommen, wie der Absatz hierzulande läuft und was die Kronberger noch im Vertrieb planen, erläutert Länderchef Leisten.


Herr Leisten, Fidelity erregte in den vergangenen Monaten einige Aufmerksamkeit. Ihr Haus führte eine neue Gebührenstruktur ein, forcierte das Engagement im Bereich der Indexfonds und startete eine digitale Vermögensverwaltung. Wie lautet die Strategie dahinter?

Ferdinand-Alexander Leisten: All diese Initiativen sehen wir als eine Ergänzung unseres bestehenden Angebots. Bei allem, was wir tun: Wir sind und bleiben ein aktiver Manager. Aber wir müssen uns mit der Entwicklung unseres Marktumfelds auseinandersetzen. So registrieren wir eine wachsende Nachfrage der Kunden nach passiven Lösungen. Diese können in bestimmten Phasen, Marktbereichen und für bestimmte Zwecke durchaus sinnvoll sein.

Ein aktiver Manager, der passive Strategien anbietet – ist das nicht ein Widerspruch?

Leisten: Nein, überhaupt nicht. Ich plädiere dafür, die Emotion aus der Aktiv-Passiv-Debatte zu nehmen. Die Diskussion hat sich zu sehr auf die Kosten versteift. Aktive wie passive Instrumente können sinnvoll nebeneinander bestehen.

Aber wie passt ein Robo Advisor zu einem Haus, in dem meist menschliche Portfoliomanager die Entscheidungen treffen?

Leisten: Bei unserer digitalen Vermögensverwaltung übernehmen Portfoliomanager aktiv die Allokationsentscheidungen und überlassen das nicht den Algorithmen. Auch daher ist sie eine sinnvolle und notwendige Ergänzung unseres bestehenden Direktgeschäfts. Drei Trends gaben die Impulse, diese Offerte zu unterbreiten. Erstens bieten viele Finanzdienstleister im Zuge von Mifid II weniger Beratungsleistungen an. Zweitens ändert sich das Verbraucherverhalten. Eine Generation wächst heran, die digitale Angebote nutzen möchte. Drittens erkennen immer mehr Menschen die möglichen Lücken in ihrer Altersvorsorge als relevantes Thema. Viele wollen das angehen, haben aber keine große Erfahrung in Finanzfragen. Ein digitales Angebot kann für sie ein Ausgangspunkt sein.

Wie kommt die Initiative bei den Vertriebskanälen an? Diese könnten Ihren Auftritt als Konkurrenz auffassen.

Leisten: Wir richten unser Angebot ausschließlich an Kunden, die keine persönliche Beratung wünschen. Auf keinen Fall wollen wir uns gegen unsere Vertriebspartner positionieren. Wir haben alle wichtigen Partner vorab informiert – und sie zeigten Verständnis. Unsere Direktkunden wiederum erwarten eine digitale Lösung. Sie suchen in diesem Feld einen Partner, der eine lange Erfahrung im Investmentmanagement mitbringt und nicht nur auf Algorithmen setzt. So konnten wir jüngst mit dem Daimler Vorsorge und Versicherungsdienst einen Partner finden, der die digitale Vermögensverwaltung seinen Kunden anbietet.

Ein weiterer Punkt ist die erfolgsabhängige Fulcrum Fee, die Sie als eine Alternative zu den herkömmlichen Gebühren einführten. Kommt das Konzept beim Kunden an?

Leisten: Sowohl von der Retail- wie von der institutionellen Seite erfahren wir sehr positive Rückmeldungen zu unserem variablen Gebührenmodell. Aber das Volumen in den entsprechenden Anteilsklassen ist noch überschaubar. Wir betreten hier Neuland. Der Regulator fordert von der Fondsbranche, die Gebührenmodelle zu überdenken. Das haben wir getan und frühzeitig einen Weg eingeschlagen. Man muss einfach den Mut aufbringen, bei Innovationen der erste zu sein.

Beim Geschäft mit Publikumsfonds tut sich Fidelity hierzulande aber schwer. Nach 2017 stehen bislang auch für 2018 unter dem Strich Abflüsse.

Leisten: Das ist richtig. Hier müssen wir einige Abflüsse wieder wettmachen. Aber mit dem Bruttoabsatz sind wir sehr zufrieden. Wir konnten das Vertrauen der Kunden wieder erlangen. Und im institutionellen Bereich verlief das Geschäft sehr erfreulich. Wir haben neue Mandate gewonnen. Bestehende Klienten haben ihre Allokation aufgestockt oder uns weitere Mandate erteilt. Ich bin daher zuversichtlich, dass diese positive Entwicklung auch im Wholesale-Bereich ankommen wird.


Die Fondsgesellschaft Fidelity International steht vor einem Führungswechsel. Die ehemalige M&G-Chefin Anne Richards übernimmt die Leitung des Konzerns. Was die Rochade bedeutet, lesen Sie im neuen Heft 4/2018 von FONDS professionell, das Ende des Monats erscheint.


Wie verlief das Geschäft in den anderen Feldern?

Leisten: Auch im Bereich Altersvorsorge sowie bei der Fondsplattform FFB erzielten wir 2017 und im bisherigen Verlauf von 2018 sehr gute Ergebnisse. Bei der FFB kamen wir sogar auf Rekordzuflüsse. Dort konnten wir die Prozesse effizienter gestalten. Außerdem schöpfen wir aus den Möglichkeiten, welche die Digitalisierung eröffnet. Wir können etwa besser Fehlerquellen orten und die Ursachen ausschließen. Zusätzlich bieten wir nun den Depoteröffnungsprozess völlig papierlos an.

Nach Indexfonds, einer digitalen Vermögensverwaltung und neuen Gebührenmodellen: Mit welcher Initiative wartet Ihr Haus im nächsten Jahr auf?

Leisten: Auch hier geht es darum, unser bereits bestehendes, breites Angebot zu ergänzen. Ein Thema ist die nachhaltige Geldanlage. Wir werden eine Palette an Publikumsfonds lancieren, die ökologische, ethische und soziale Kriterien berücksichtigen, also den sogenannten ESG-Ansatz verfolgen. Diese werden alle gängigen Anlageklassen abdecken. Wir rechnen mit einem Start für Anfang bis Mitte des Jahres. Zudem sind wir dabei, das Thema Nachhaltigkeit in unserem gesamten Investmentresearch  zu verankern.

Das heißt, alle Fidelity-Fonds werden etwas grüner?

Leisten: Wir binden schon heute das Thema Nachhaltigkeit und Corporate Governance in den Dialog mit den Unternehmen ein, in die wir investieren. Mit der eigens aufgelegten Produktfamilie mit ESG-Ansatz gibt es dann ein spezielles "grünes" Angebot.

Was planen Sie noch?

Leisten: Im Bereich der betrieblichen Altersvorsorge sehen wir mit dem Betriebsrentenstärkungsgesetz interessante Entwicklungen. Hier sind wir dabei, im Rahmen des Sozialpartnermodells eine Kooperation zu finalisieren. Parallel dazu streben wir an, europaweit eine Altersvorsorgelösung aufzusetzen. Denn viele multinationale Unternehmen schätzen ein Angebot aus einer Hand, das sich über den gesamten Kontinent hinweg für die Mitarbeiter einsetzen lässt. Hier klafft bislang noch eine Marktlücke. Zudem gewinnt die thematische Einordnung von Investments meiner Meinung nach für die Kunden an Bedeutung. So werden wir beispielsweise im kommenden Jahr im Publikumsfondsbereich stärker solche Produkte spielen, die Themen wie Einkommen oder Megatrends umfassen.

Vielen Dank für das Gespräch. (ert)


Über die Auswirkungen des demographischen, geopolitischen und ökologischen Wandels auf die Geldanlage diskutieren Sozialpsychologe und Publizist Professor Harald Welzer und Fidelity-Kapitalmarktstratege Carsten Roemheld auf dem FONDS professionell KONGRESS Ende Januar 2019 in Mannheim. Hier geht's zur Anmeldung.