Fidelity International bietet seit diesem Mittwoch eine Online-Vermögensverwaltung in Deutschland an. Auf der "Fidelity Wealth Expert" genannten Plattform finden Anleger eine digitale Beratungsstrecke mit rund 30 Fragen, mit der die Risikobereitschaft und die Ziele des Kunden ermittelt werden. Basierend auf diesem Profil erhalten sie ein individuelles, aktiv gemanagtes Portfolio, dessen Komponenten größtenteils von externen Managern verwaltet werden.

Fidelity-Deutschlandchef Alexander Leisten nannte auf einer Pressekonferenz in Frankfurt drei Gründe für die Einführung des neuen Angebots. Erstens würden sich wegen der zunehmenden Regulierung immer mehr Banken und Finanzdienstleister aus der Anlageberatung zurückziehen. Zweitens sei ein verändertes Verbraucherverhalten zu beobachten: "Den Kunden sind zunehmend digitale, intuitive Angebote wichtig, die schnell und mobil abgeschlossen werden können", sagte er. Als dritten Grund nannte Leisten sozioökonomische Trends: Zum einen stehe ein großer Vermögenstransfer auf die nächste Generation an, zum anderen gelte es, die immer größer werdende Rentenlücke zu schließen.

"Aktives Management auf vier Ebenen"
Der Asset Manager aus Kronberg bei Frankfurt möchte sich in drei Punkten von den Wettbewerbern im Markt für Robo-Advice abheben: Die Beratungsstrecke ist erstens vollreguliert, es handelt sich also nicht um unverbindliche Empfehlungen wie auf einigen anderen Plattformen. Ein Unterscheidungskriterium soll zweitens die Möglichkeit darstellen, während des "Onboarding"- und Anlageprozesses per Telefon Kontakt mit dem Kundenservice von Fidelity aufzunehmen. Besonders wichtig ist Leisten aber der dritte Punkt: das aktive Management. "Wir sind seit 50 Jahren als Vermögensverwalter tätig und haben uns eine entsprechende Reputation aufgebaut", betont er.

Leisten spricht von "aktivem Management auf vier Ebenen": Mit der strategischen Asset-Allokation legen die Fidelity-Experten die generelle Anlagestrategie für sieben Musterportfolios fest. An zweiter Stelle kommt die Selektion der besten Manager für die verschiedenen Regionen, Branchen und Anlageklassen. Die zugrundeliegenden Investmentstrategien werden ebenfalls aktiv verwaltet – Fidelity verzichtet bewusst auf eine passive Indexabbildung via ETFs. Die Kombination aus individuellem Risikoprofil und Fondsarchitektur mündet dann in individuelle Portfolios, die täglich überprüft und bei Bedarf nachjustiert werden – nach Leistens Lesart ist das der vierte Aspekt des aktiven Managements.

Gesamtkosten von 1,13 bis 1,23 Prozent
Für ein aktives Asset Management ist das Fidelity-Angebot vergleichsweise günstig: Die jährliche Pauschale für die Vermögensverwaltung inklusive Depotführung und Mehrwertsteuer liegt bei 0,55 Prozent. Hinzu kommen die Fondskosten von durchschnittlich 0,58 bis 0,68 Prozent pro Jahr. Die Mindestanlagesumme beträgt 10.000 Euro. Sparraten sind ab 250 Euro im Monat möglich.

Interessant ist, dass Fidelity einen Anlagehorizont von mindestens zehn Jahren vorschlägt. Kunden, die ihr Geld kürzer investieren wollen, werden abgelehnt. Lässt das Unternehmen damit nicht potenzielles Geschäft liegen? "Zehn Jahre sind unserer Auffassung nach eine sinnvolle Perspektive für eine Vermögensverwaltung", sagt Leisten. Auch mit Blick auf die Performance-Chancen, die auf Basis von 1.000 Kapitalmarktszenarien berechnet werden, kommuniziere sein Haus bewusst vorsichtig. "Wir möchten transparent darlegen, was der Anleger realistisch erwarten kann, und nicht leichtfertig Illusionen wecken", so Leisten.

Deutschland als Pilotmarkt
Als offizieller Vermögensverwalter dient die konzerneigene Fondsbank FFB. Gemanagt werden die Portfolios vom Londoner Multi-Asset-Team des Fondsanbieters, das rund 38 Milliarden Euro für Kunden aus aller Welt verwaltet. In London wurde auch das Portal entwickelt, mit inhaltlicher Unterstützung aus Kronberg.

Deutschland ist der erste Markt in Europa, in dem Fidelity seine digitale Vermögensverwaltung ausrollt. Läuft das Projekt gut an, dürften weitere Länder folgen. Konkrete Absatzziele nennt Leisten nicht. Das gleiche gilt für die Kosten, die für die Entwicklung der Plattform angefallen sind.

Ausbau des Direktgeschäfts
Dass die Wahl für das Pilotprojekt auf Deutschland fiel, dürfte unter anderem damit zu erklären sein, dass Fidelity hierzulande bereits seit vielen Jahren ein Direktgeschäft mit Endkunden betreibt – anders als die meisten anderen Fondsanbieter. Das entsprechende Team in Kronberg umfasst 25 Mitarbeiter, zehn davon sind im Telefon-Service beschäftigt.

Bislang sprach Fidelity im Direktgeschäft allerdings ausschließlich Selbstentscheider an, also nur Anleger, die bewusst auf Beratung verzichten und ihre Fonds selbst auswählen. Neben diesen "Execution Only"-Bereich tritt nun die Vermögensverwaltung, bei der Anleger die Investmententscheidungen an Fidelity delegieren. Die Kundschaft habe den Wunsch nach einem entsprechenden Angebot geäußert, so Leisten.

"Wir werden kein Geschäft gegen einen Vertriebspartner positionieren"
Der Ausbau des Direktgeschäfts könnte bei etablierten Vertriebspartnern die Angst schüren, Fidelity wildere im eigenen Revier (lesen Sie hierzu auch den Kommentar von FONDS professionell-Chefredakteur Bernd Mikosch: "Ein Drahtseilakt"). Diese Sorge versucht Leisten jedoch zu nehmen: "Wir werden kein Geschäft gegen einen Vertriebspartner positionieren", betont er. "Wir wenden uns mit Fidelity Wealth Expert ausschließlich an Kunden, die sagen, dass sie nicht die Unterstützung eines persönlichen Finanzberaters in Anspruch nehmen möchten."

Äußere ein potenzieller Kunde den Wunsch nach einer individuellen Betreuung, werde Fidelity ihn an einen unabhängigen Berater verweisen, verspricht Leisten. Andererseits sei es für sein Unternehmen auch keine Lösung, auf das Angebot einer digitalen Vermögensverwaltung zu verzichten. "Wir müssen dieser Nachfrage Rechnung tragen", sagt Leisten.

Fidelity möchte die digitale Vermögensverwaltung außerdem nicht nur selbst nutzen, sondern auch Vertriebspartnern anbieten. "Das B2B-Geschäft ist definitiv ein Thema für uns", sagte Leisten. Die Kooperation mit einem großen Vertriebspartner stehe kurz vor dem Abschluss, weitere Gespräche liefen. (bm)