Die Zahl der Bankfilialen ist in Deutschland in den vergangenen Jahren deutlich gesunken, und das Sterben ist noch nicht beendet. Schätzungen zufolge dürfte die Zahl der Bankenniederlassungen in der Bundesrepublik bis 2025 um ein weiteres Drittel sinken, auf 16.000, berichtet das "Handelsblatt". Kurz nach der Jahrtausendwende gab es noch fast 50.000 Bankfilialen. Interessanterweise sieht es in anderen europäischen Ländern völlig anders aus. Laut einer Studie von Roland Berger rechnen europaweit 80 Prozent der befragten Institute damit, dass sie kurz- bis mittelfristig höchstens einen geringen Teil ihrer Filialen schließen müssen – trotz teils deutlich höherer Filialdichte als in Deutschland.

Für die unterschiedlichen Entwicklungen sieht Roland-Berger-Partner Sebastian Steger laut "Handelsblatt" mehrere Gründe. Erstens sei das deutsche Privatkundengeschäft im Vergleich wenig profitabel. "Dadurch ist auch der Spardruck größer", sagt er. Privatkunden in Deutschland zahlen einer McKinsey-Studie zufolge im Schnitt 135 Euro pro Jahr für alltägliche Bankdienstleistungen. Der europäische Durchschnitt liegt bei 256 Euro. Ähnlich unterschiedlich entwickelten sich auch die Einnahmen der Banken im Privatkundengeschäft: In den zehn Jahren bis 2020 sanken sie in Deutschland um zwölf Prozent. In Großbritannien und Schweden legten sie dagegen um jeweils 20 Prozent zu, in Schweden und den Niederlanden sogar um satte 60 Prozent.

Stärkere Trennung von Entwicklung und Vertrieb
Als weiteren möglichen Grund für das Filialsterben in der Bundesrepublik führt Steger die Tatsache an, dass Online-Beratungen und Vergleichsplattformen mit angeschlossener Vertriebsmöglichkeit in Deutschland stärker verbreitet sind als in anderen europäischen Ländern. Der Anteil dieser Wege am Vertrieb liegt dementsprechend deutlich höher.

Auch in anderen Ländern der Europäischen Union wird es in den kommenden Jahren aber Veränderungen im Privatkundengeschäft geben, ist der Roland-Berger-Berater überzeugt. "Längst nicht alle Banken, die das heute wollen, werden die Rolle als Kundenexperten verteidigen können", prophezeit er. Er geht davon aus, dass sich mehrere Institute in Zukunft auf die Rolle als Produktentwickler konzentrieren werden, während andere Plattformen den Kundenkontakt und Vertrieb übernehmen. (fp)