In einer Gesprächsrunde in Boston nahm Jamie Dimon, Vorstandschef der US-Großbank JP Morgan, das Alter der Kommunistischen Partei Chinas aufs Korn. Diese feiert dieses Jahr ihr 100-jähriges Bestehen. Sein Institut sei genauso alt. "Ich wette, dass wir länger bestehen bleiben", sagte Dimon den Nachrichtenagenturen "Bloomberg" und "Reuters" zufolge. Er spielt darauf an, dass JP Morgan seit 1921 in China aktiv ist. Dann schiebt er noch nach: "In China kann ich das nicht sagen. Aber die hören wahrscheinlich ohnehin zu".

Solche Bemerkungen verkneifen sich die Lenker westlicher Unternehmen meist. Denn unliebsame Äußerungen können die Führung in Peking verärgern. Hindernisse beim Marktzugang in das aufstrebende Land will kaum ein westlicher Konzern riskieren. So verlor die Schweizer Großbank UBS Aufträge wegen unbedachter Äußerungen des Chefökoomen ihrer Vermögensverwaltungssparte. Seinen Kommentaren war ein rassistischer Unterton vorgeworfen worden.

"Bedauere diese Bemerkung"
Entsprechend war das US-Institut jetzt um rasche Schadensbegrenzung bemüht und gab gleich zwei Entschuldigungen heraus. "Ich bedauere diese Bemerkung und hätte sie nicht machen sollen. Ich habe versucht, die Stärke und Langlebigkeit unseres Unternehmens zu betonen", heißt es in der ersten Erklärung von Dimon. Wenige Stunden später schob JP Morgan eine weitere, wortreichere Entschuldigung nach.

"Ich bedauere meinen jüngsten Kommentar, denn es ist niemals richtig, sich über eine Gruppe von Menschen lustig zu machen oder sie zu verunglimpfen, egal ob es sich um ein Land, seine Führung oder einen Teil einer Gesellschaft und Kultur handelt", so Dimon. "Eine solche Äußerung kann einen konstruktiven und durchdachten Dialog in der Gesellschaft verhindern, der heute mehr denn je notwendig ist." "Während des Vortrags habe Dimon deutlich gemacht, dass China und seine Menschen sehr klug und sehr aufmerksam seien, so die Bank weiter.

"Chinas Vietnam"
Andere Seitenhiebe aus der Diskussionsrunde in Boston bergen aber eine noch größere Sprengkraft. Eine Invasion Chinas in Taiwan; warnte Dimon, "könnte deren Vietnam sein". Die Volksrepublik sieht den demokratisch regierten Inselstaat als abtrünnig an und beansprucht die Hoheit. Die Vereinigten Staaten hatten sich in den zwei Jahrzehnte währenden Vietnam-Krieg verwickelt und ihre erste militärische Niederlage erlitten. Dimon betonte aber in der Gesprächsrunde "Bloomberg" zufolge, dass kaum jemand erwarte, dass China tatsächlich in Taiwan einmarschiert.

Die freimütigen Äußerungen des JP-Morgan-Lenkers überraschen umso mehr, da er kürzlich nach Hongkong gereist war. Ihm war eigens eine Ausnahme von den strikten Quarantäne-Regeln eingeräumt worden. Dimon ist der erste Boss eines Wall-Street-Instituts, der seit Ausbruch der Corona-Pandemie chinesisches Territorium betrat. (ert)