KI prüft angehende Banker – und könnte sie ersetzen
Banken setzen zunehmend auf künstliche Intelligenz – und das verändert nicht nur Bewerbungsverfahren. Studenten und Berufseinsteiger fragen sich bereits, welche Jobs im Finanzsektor künftig noch von Menschen ausgeübt werden.
Andre Bonnick hofft auf einen Job im Finanzsektor und verbringt Stunden damit, seine Antworten zu üben. Er verwendet Schlüsselbegriffe aus Stellenausschreibungen, hält Blickkontakt und befolgt Ratschläge von Personalvermittlern.
Der Student der Warwick University bereitet sich nicht auf ein Gespräch mit einem menschlichen Personalmanager vor. Stattdessen stellt er sich ersten Auswahlrunden, die von KI-gestützter Software durchgeführt werden.
Studenten treffen früh auf KI
Da immer mehr Unternehmen künstliche Intelligenz einsetzen, müssen sich Studenten mit Karrierezielen im Bank- und Finanzwesen bereits beim ersten Kontakt mit dieser Technologie messen. Wer die erste Hürde nimmt, steht anschließend vor der Frage, ob die entsprechenden Arbeitsplätze in einigen Jahren überhaupt noch von Menschen besetzt werden.
In einem Punkt herrscht unter vielen Managern Einigkeit: Mit der Einführung von KI werden Stellen wegfallen. JP-Morgan-Chef Jamie Dimon sagte im Dezember, die Technologie werde "Arbeitsplätze beseitigen". Citigroup-Chefin Jane Fraser erklärte, einige Jobs "werden nicht länger erforderlich sein". Goldman-Sachs-Präsident John Waldron bezeichnete Beschäftigte als eine "menschliche Montagelinie", die sich für Automatisierung eigne.
Standard-Chartered-Chef Bill Winters formulierte es so: "Es geht nicht um Kostensenkungen – es geht darum, in einigen Fällen weniger wertvolles Humankapital durch Finanzkapital und Investitionskapital zu ersetzen, das wir einsetzen." Später entschuldigte er sich für diese Äußerungen.
Unsicherheit über die Zukunft vieler Stellen
Bei vielen Beschäftigten in der Branche haben diese Aussagen Unsicherheit darüber ausgelöst, wie sicher ihre Arbeitsplätze sind. Selbst für Mitarbeiter in höheren Positionen ist das Risiko gestiegen, dass KI ihre Aufgaben langfristig übernehmen könnte. Zwar haben Führungskräfte, darunter Dimon und Barclays-Chef CS Venkatakrishnan, über Umschulungen und Weiterbildungsmaßnahmen gesprochen, um Arbeitsplätze zu sichern. Wie dies in der Praxis funktionieren soll, sei jedoch unklar, sagte David Parsons, Arbeitsrechtler bei der Anwaltskanzlei Mishcon de Reya.
Ein Investmentbanker in den Vereinigten Arabischen Emiraten, der anonym bleiben wollte, scherzte, dass er in fünf bis zehn Jahren möglicherweise nicht mehr gebraucht werde. Zuvor hatte er Microsoft Copilot genutzt, um kurzfristig eine Präsentation für ein Kundengespräch vorzubereiten. "Man kann durchaus sagen, dass der Middle-Office-Bereich anfällig ist", sagte Parsons. "Der Unterschied zu früheren Automatisierungswellen besteht darin, dass diesmal auch höher angesiedelte Tätigkeiten betroffen sind."
Weniger Einstiegsjobs im Bankensektor
Studenten, die sich jahrelang wegen der Stabilität und der hohen Gehälter für den Finanzsektor entschieden haben, finden inzwischen weniger Einstiegspositionen vor. "Ich habe darüber nachgedacht, mich für einen Masterstudiengang zu bewerben, um ein weiteres Jahr Zeit für Bewerbungen zu gewinnen", sagte Bonnick.
Banken reduzieren ihre Nachwuchsprogramme für Analysten um bis zu zwei Drittel und gewinnen zugleich rund 62 Prozent ihrer KI-Fachkräfte aus genau diesen Jahrgängen, sagte Debasish Patnaik, Senior Partner und Leiter von Quantum Black, der KI-Beratungseinheit von McKinsey & Co. Die Zahl der Berufseinsteiger "wird sinken", vollständig auf diese Programme verzichten werden Banken nach Einschätzung von Patnaik jedoch nicht.
"Das Bankwesen ist ein Ausbildungsgeschäft. Die Nachwuchsanalysten von heute sind die Geschäftsführer von morgen", so Patnaik. "Erfahrungsbasierte Urteilsfähigkeit lässt sich nicht einfach so aus dem Nichts erschaffen." (mb/Bloomberg)













