In anderthalb Jahrzehnten an der Spitze der Volksbank Brawo hat Jürgen Brinkmann das Institut in eine Finanz-, Immobilien- und Investmentgruppe mit hunderten Gesellschaften ausgebaut.

Als Brinkmann im Mai von seinen Aufgaben freigestellt wurde, dankte ihm der Aufsichtsrat in einer Mitteilung zwar für seine langjährige Tätigkeit als Vorstandsvorsitzender. Zugleich stellte die Bank aber in Aussicht, vorsorglich bei der Sicherungseinrichtung des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) einen Antrag auf Deckungsmaßnahmen zu stellen. Die bisherige Strategie der Gruppe solle zudem auf den Prüfstand gestellt werden, hieß es damals.

Mehr als ein halbes Dutzend Stützungsfälle
Die Volksbank Brawo hat inzwischen nach eigenen Angaben Unterstützung beantragt. Sie ist eines von mehr als einem halben Dutzend Instituten in der genossenschaftlichen Finanzgruppe, die diesen Schritt in den vergangenen paar Jahren vollzogen haben. Für den genossenschaftlichen Bankensektor ist es wohl eine der herausforderndsten Zeiten seit der Gründung der gemeinsamen Sicherungseinrichtung vor rund einem Jahrhundert.

"Es gibt nicht den einen zentralen Grund, der zur Häufung der Stützungsfälle im genossenschaftlichen Bankensektor in den vergangenen paar Jahren geführt hat. Die Fälle sind sehr unterschiedlich gelagert", sagte Thomas Hartmann-Wendels, Bankenprofessor an der Universität zu Köln.

Jürgen Brinkmann wollte auf Anfrage von "Bloomberg News" keinen Kommentar für diesen Artikel abgeben. Lars Berkefeld, derzeit Vorstandssprecher der Volksbank Brawo, erklärte, dass die erkannten Risiken abgeschirmt worden seien und derzeit an einem klaren Zielbild für die Gruppe gearbeitet werde.

1,7 Billionen Euro Bilanzsumme
Die Banken des Genossenschaftssektors sind eine tragende Säule der deutschen Finanzbranche. Sie gehören in der Regel ihren Kunden und stehen daher weniger unter Druck, hohe Gewinne erwirtschaften zu müssen. Derzeit haben sie über 17 Millionen Mitglieder. Zusammen kam der Genosektor im vergangenen Jahr auf eine konsolidierte Bilanzsumme von rund 1,7 Billionen Euro – einschließlich seines Spitzeninstituts DZ Bank. Zum Vergleich: Bei der Deutschen Bank waren es 1,4 Billionen Euro.

Unterm Strich gibt es rund 650 Banken im Sektor. Sie zahlen in das gemeinsame Sicherungssystem ein. Gerät eine Bank in Schwierigkeiten, wird sie unterstützt und kann zudem mit einem Nachbarinstitut fusioniert werden.

Der BVR legt nicht offen, welche Banken gestützt werden oder wie umfangreich die Maßnahmen ausfallen. Angaben der betroffenen Banken selbst lassen jedoch den Schluss zu, dass sich die Stützungsmaßnahmen in den vergangenen paar Jahren auf mehr als eine Milliarde Euro belaufen haben. Insgesamt ist das Sicherungssystem der Genossenschaftsbanken sehr leistungsfähig und stabil, sagte Martin Faust, Professor an der Frankfurt School of Finance & Management. "Es ist noch nie ein Institut pleitegegangen und Probleme wurden immer intern ohne Steuergelder gelöst."

"Lokale Fürsten" an der Spitze
Bei größeren Instituten wählen die Mitglieder in der Regel zwei Drittel des Aufsichtsrats aus den eigenen Reihen, während Arbeitnehmervertreter die übrigen Sitze besetzen. Jedes Mitglied der Bank hat bei wichtigen Entscheidungen eine Stimme – unabhängig davon, wie viel Kapital er oder sie eingebracht hat.

Dieses System führt dazu, dass das für die Kontrolle des Vorstands zuständige Gremium nicht immer sehr nahe am Bankgeschäft ist. Das hat es Vorständen erleichtert, Finanzierungen oder Investitionen ohne kritische Hinterfragung auf den Weg zu bringen, sagte Faust. "Einige Volksbanken werden von lokalen Fürsten geführt, die sehr charismatisch sind. Sie konnten Aufsichtsräten und Mitgliedern ihre Wachstumsbestrebungen sehr gut vermitteln und sie auch oft ohne Widerstand durchsetzen."

Brinkmann hatte sich während seiner Zeit bei der Volksbank Brawo – wo unter anderem eine Steuerberaterin und ein Glasermeister im Aufsichtsrat sitzen – zu einem einflussreichen Manager entwickelt. Er saß im Aufsichtsrat der Schufa, war Mitglied im BVR-Verbandsrat und Teil des Aufsichtsrats der Atruvia, des IT-Dienstleisters des Genosektors.

Von der Brauerei bis zur Factoring-Firma
Zu dem Firmenimperium, das Brinkmann bei der Volksbank Brawo aufgebaut hat, gehörte auch eine lokale Brauerei, deren Wurzeln bis ins Jahr 1627 zurückreichen. Die Gruppe wurde 2021 alleiniger Eigentümer des Bierherstellers. Rund fünf Jahre später stellte die Brauerei einen Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung. Sie verwies auf eine anhaltende Absatzschwäche sowie gestiegene Kosten.

Eine weitere problembehaftete Beteiligung war die Factoring-Firma Jitpay Financial, die im vergangenen Jahr die Einstellung ihres Betriebs angekündigt hatte.

Die Volksbank Brawo kaufte auch Restaurants, die zeitweise von Brinkmanns Ehefrau Diana mitgeleitet wurden, und beteiligte sich an einer Fitnessstudiokette. Im Jahr 2013 erweiterte Brinkmann die Gruppe mit der Braunschweiger Privatbank um einen Private-Banking-Bereich, nachdem er laut der Website der Sparte im Jahr zuvor auf einer Hochzeit einen auf vermögende Privatkunden spezialisierten Banker kennengelernt und festgestellt hatte, dass die "Chemie" zwischen den beiden stimmte. Diana Brinkmann lehnte eine Stellungnahme ab.

Villen auf Mallorca und "Brawo Arkaden"
Während die meisten Genossenschaftsbanken hauptsächlich in ihrer jeweiligen Heimatregion tätig sind, beteiligte sich die Volksbank Brawo sogar an der Entwicklung luxuriöser Villen auf der spanischen Insel Mallorca. In Deutschland begann die Gruppe im vergangenen Jahr mit den Abriss- und Bauarbeiten für einen großen, gemischt genutzten Immobilienkomplex in Wolfsburg, den "Brawo Arkaden".

Als Brinkmann im Mai bei der Volksbank Brawo von Bord ging, wurden unterschiedliche Auffassungen über die zukünftige Ausrichtung der Unternehmensgruppe als Grund genannt. Außerdem war damals von Risiken aus Wertberichtigungen die Rede.

Volksbank Brawo ist kein Einzelfall
Die Volksbank Brawo zählt wohl zu den schillernderen Beispielen für Genossenschaftsbanken, die in Schwierigkeiten geraten sind, ist damit aber keineswegs allein. Vor wenigen Wochen gab auch die Volksbank Kleverland bekannt, dass sie Unterstützung bei der Sicherungseinrichtung beantragt hat – nach einer internen Überprüfung ihres Kreditportfolios. Bereits im vergangenen Jahr hatte die Bank ihren Chef von seinen Aufgaben entbunden und ihm später gekündigt.

Zu den weiteren Instituten, die Unterstützung von der Sicherungseinrichtung erhalten haben, gehört die VR-Bank Bad Salzungen Schmalkalden, die inzwischen umbenannt wurde. Bekanntheit erlangte das Institut mit der Ankündigung, Ex-Nationalspieler Stefan Effenberg zur Akquise von Fußballfinanzierungen zu beschäftigen. Beim Bankhaus RSA wiederum, einem weiteren Stützungsfall, war rund ein Drittel des gesamten Kreditvolumens notleidend.

Angeschlagene Banken werden manchmal auch mit benachbarten Instituten aus dem Genosektor fusioniert. Das war zum Beispiel bei der Raiffeisenbank im Hochtaunus der Fall. Sie stand auf einer Gläubigerliste aus dem zusammengebrochenen Immobilienimperium von René Benko. Ein weiteres Beispiel ist die Volksbank Dortmund-Nordwest, die wegen Immobilieninvestitionen in Schieflage geraten war.

Bad Bank kauft Kredite für 1,2 Milliarden Euro
Problematische Kredite, Immobilien oder auch Beteiligungen von gestützten Banken wandern oft an die Bad Bank des genossenschaftlichen Sektors, die BAG Bankaktiengesellschaft. Sie hatte im vergangenen Jahr rund 1,2 Milliarden Euro an ungewollten Krediten aufgekauft. Das war der höchste Wert seit zwei Jahrzehnten.

Insgesamt ist der deutsche Genossenschaftsbankensektor sehr profitabel. Die Gruppe einschließlich der DZ Bank erzielte im vergangenen Jahr einen konsolidierten Vorsteuergewinn von 11,6 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Die Deutsche Bank wies 9,7 Milliarden Euro aus. Und seit ihrem Start in den 1930er-Jahren hat die Sicherungseinrichtung stets sichergestellt, dass alle angeschlossenen Banken ihren finanziellen Verpflichtungen nachkommen konnten.

Dennoch steigen infolge der Stützungsmaßnahmen der vergangenen Jahre womöglich die Kosten für die teilnehmenden Banken. So geht die DZ-Bank-Gruppe davon aus, dass sich ihre Beiträge für den Garantiefonds der Sicherungseinrichtung in diesem Jahr auf 117 Millionen Euro verdoppeln werden.

Genossenschaftssektor verschärft die Regeln
Wohl auch deshalb hat der Genosektor im Juni eine umfassende Reform des gemeinsamen Sicherungssystems beschlossen. Dabei geht es unter anderem um schärfere Eingriffsrechte der Sicherungseinrichtung bei Problembanken.

Mit den Beschlüssen macht die Gruppe deutlich, "dass die Freiheit der einzelnen Primärbank dort endet, wo der Solidargemeinschaft Schaden droht", sagte damals Sektor-Präsidentin Marija Kolak. "Die Stabilität und Reputation unserer Gruppe dürfen nicht durch fahrlässige Fehler Einzelner oder durch systemische Risiken beschädigt werden." (mb/Bloomberg)