Die Leitzinserhöhung der Europäischen Zentralbank (EZB) vergangene Woche dürfte den Wettbewerb um Spareinlagen unter Banken anheizen. Dies könnte insbesondere Regionalinstitute wie Sparkassen sowie Volks- und Raiffeisenbanken unter Druck setzen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Analyse der Unternehmensberatung Simon-Kucher. Demnach überschreitet das Zinsniveau mit der Erhöhung des Leitsatzes durch die EZB auf 2,25 Prozent eine für Sparer bedeutsame Schwelle.

So habe das Haus Simon-Kucher seit dem Ende der Niedrigzinsphase in mehreren empirischen Studien das Verhalten von Sparern auf Zinsveränderungen untersucht, schreiben die Experten Steven Kiefer, Hendrik Tacke und Jonathan Schöck in der Auswertung. Dabei zeige sich, dass nicht nur die Zinsunterschiede zwischen den Wettbewerbern über die Nachfrage entscheiden, sondern auch das generelle Zinsniveau.

Sprunghafter Anstieg
"Wenn Sparer das allgemeine Zinsniveau für klassische Sparprodukte wie Tagesgelder abseits von Aktionsangeboten tendenziell unter 1,5 Prozent wahrnehmen, ist ihre Wechselbereitschaft eher gering", berichten die Autoren. "Vielen Sparern ist das absolute Zinsniveau schlicht zu gering, als dass sie den Aufwand einer tieferen Auseinandersetzung mit Anlagealternativen als lohnenswert ansehen würden." Selbst deutlich höhere Lockangebote würden den Wettbewerb kaum anfachen.

"Völlig anders" sieht es den Experten zufolge jedoch aus, wenn das Zinsniveau im Bereich von 1,5 bis drei Prozent liegt. "Innerhalb dieses Korridors lassen sich einige Zinsschwellen identifizieren, bei denen die Umschichtungs- und Wechselbereitschaft sprunghaft ansteigt", formulieren es die Autoren. "Wie relevant diese Zinsschwellen sind, zeigt die jüngere Historie eindrucksvoll." So erreichte der EZB-Leitsatz 2022 die Marke von zwei Prozent. Aktionsangebote, etwa für Tagesgeld, lagen entsprechend nahe an diesem Zinssatz oder auch darüber.

Einlagen-Zustrom
In dieser Phase sei es der Direktbank ING mit einem Aktionsangebot eigenen Angaben zufolge gelungen, im zweiten Halbjahr 2022 rund 4,4 Milliarden Euro Einlagen neu einzuwerben. Die mit Abstand wichtigste Zinsschwelle liege jedoch bei drei Prozent, zeigen die Daten. Denn als die Leitsätze 2023 die Marke von drei Prozent touchierten und die ING ihr Angebot entsprechend nachbesserte, flossen im ersten Halbjahr satte 24 Milliarden Euro zu.

Sollte die jüngste Zinserhöhung der EZB erneut den Wettstreit um Einlagen anfachen, könnten besonders Regionalbanken, insbesondere Sparkassen und Genossenschaftsbanken, unter Handlungsdruck geraten. "Sie verfügen nicht nur gegenwärtig über die höchsten Einlagenbestände, sondern sind auch traditionell die Angriffsfläche aggressiver Wettbewerber", erläutert das Autoren-Trio. "Aufgrund ihrer Struktur sind sie auch besonders auf eine Refinanzierung über Einlagen statt über Kapitalmarkttransaktionen angewiesen."

Liquidität abgebaut
Obendrein seien diese Institutsgruppen stark im Mengengeschäft mit Privatkunden sowie im mittelständischen Firmenkundengeschäft verwurzelt. "Aufgrund der nun seit Jahren anhaltenden Rezession und der damit verbundenen Gewinneinbußen des Mittelstandes bauen deutsche Unternehmen tendenziell Liquidität ab, anstatt sie aufzubauen, und müssen in das operative Geschäft investieren", berichten die Experten.

"Auch im Privatkundengeschäft führen einige Trends – etwa die stark steigende Wertpapierkultur – dazu, dass die Einlagen nicht mehr auf dem Niveau vergangener Jahre wachsen." In der Folge sei es 2025 nur etwa jeder dritten Mitgliedsbank des Verbands der Volks- und Raiffeisenbanken (BVR) gelungen, das Kreditwachstum vollständig aus dem Einlagenwachstum zu refinanzieren.

Refinanzierung auf die Probe gestellt
"Da die meisten Regionalbanken über höhere Einlagen als Kreditbestände verfügen, sind derartige Ungleichgewichte kurzfristig nicht unbedingt problematisch", meinen die Autoren von Simon-Kucher. Halten diese jedoch längerfristig an oder vergrößert sich dieses Ungleichgewicht, etwa durch eine verschärfte Konkurrenz um Einlagen, "könnten die Refinanzierungsstrategien einiger Regionalbanken auf eine echte Probe gestellt werden". (ert)