"Man muss die Welle reiten": ING-Chef sieht Chancen für Übernahmen
Hohe Bewertungen könnten Europas Banken eine neue Fusionswelle bescheren. ING-Chef Steven van Rijswijk erwartet jedoch vor allem nationale Deals – grenzüberschreitende Übernahmen bleiben aus seiner Sicht schwierig.
Europas Banken stehen nach Ansicht von ING-CEO Steven van Rijswijk vor einem Schlüsseljahr für nationale Fusionen. Hohe Bewertungen begünstigten Zusammenschlüsse innerhalb einzelner Länder, während regulatorische Hürden grenzüberschreitende Transaktionen weiterhin erschwerten.
"Jetzt werden Banken etwa zum Einfachen ihres Buchwerts gehandelt oder zwischen dem Ein- und Zweifachen des Buchwerts – wir befinden uns damit in der Phase, in der Dinge beginnen, sich zu bewegen", sagte van Rijswijk in einem Interview mit der Nachrichtenagentur "Bloomberg". ING zählt zu den größten Banken Europas und gilt am Markt häufig als potenzieller Käufer. "Man muss die Welle reiten, egal ob man Käufer oder Übernahmeziel ist."
Nationale Deals statt grenzüberschreitender Fusionen
Fusionen und Übernahmen dürften sich dennoch auf nationale Transaktionen beschränken, da seit Langem bestehende regulatorische Hürden grenzüberschreitende Deals erschwerten, sagte van Rijswijk. Mehr als ein Jahrzehnt nach der Ankündigung einer europäischen Bankenunion unterschieden sich einige Kapital- und Liquiditätsanforderungen weiterhin – selbst in Eurozonenmärkten, in denen die Europäische Zentralbank als einheitliche Aufseherin fungiert.
Die "Fragmentierung" in Europa betreffe nicht nur die Bankenregulierung, sondern auch den Datenbereich, sagte van Rijswijk. Er verwies auf Regelwerke wie die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO), die per Richtlinie erlassen würden und daher in den einzelnen Märkten leicht unterschiedlich umgesetzt seien.
Gescheiterte Übernahmen zeigen Hürden
Während einige Spitzenmanager, darunter Unicredit-CEO Andrea Orcel, eine stärkere Konsolidierung fordern, um größere und widerstandsfähigere Institute in Europa zu schaffen, verdeutlichen gescheiterte Übernahmeversuche die erheblichen politischen und regulatorischen Hürden – selbst bei inländischen Deals.
Zu den jüngsten Beispielen zählen Unicredits gescheiterte Versuche, die Frankfurter Commerzbank sowie die italienische Banco BPM zu übernehmen. Ein Übernahmeangebot der spanischen BBVA in Höhe von rund 17 Milliarden Euro für den kleineren heimischen Rivalen Banco Sabadell stieß auf strenge Auflagen der Regierung und wurde schließlich von den Aktionären der Sabadell mit großer Mehrheit abgelehnt.
Vereinfachung kommt nur langsam voran
Europa habe sich der Vereinfachung verpflichtet, und sowohl die EU-Kommission als auch die führenden Finanzaufseher des Kontinents hätten Verbesserungen zugesagt, sagte van Rijswijk. Die Fortschritte blieben jedoch lückenhaft. "Es gibt zwar viele Diskussionen, aber wir sehen bislang noch nicht wirklich viele konkrete Ergebnisse."
ING, die am Donnerstag (29.1.) ihre Ergebnisse für das vierte Quartal vorlegt, äußert seit einiger Zeit Interesse an Übernahmen als Instrument zur Förderung des Wachstums. Der niederländische Kreditgeber konzentriere sich darauf, Lücken im eigenen Portfolio zu schließen, statt in neue Märkte einzutreten, sagte van Rijswijk.
Der Bedarf an Transaktionen in irgendeiner Form ist aus Sicht des ING-Chefs unbestreitbar. "Ich denke, es gibt zu viele Banken in Europa", sagte van Rijswijk. "Das ist lediglich eine Beobachtung. Es ist kein politisches Statement." (mb/Bloomberg)















