Der Skandal um den insolventen Zahlungsdienstleister Wirecard bekommt eine neue Dimension. Die Staatsanwaltschaft München I, die bisher "nur" dem Verdacht der Bilanzfälschung und Manipulation des Börsenkurses von Wirecard nachgeht, zieht nun auch Betrugsermittlungen in Betracht. Das berichtet die "Süddeutsche Zeitung" (SZ).

Anlass ist der Zeitung zufolge eine als vertraulich eingestufte Anlage in einem Report der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG. Dieser Bericht enthalte zahlreiche Details zu Vorgängen, die bei seriös geführten Unternehmen nicht vorkommen dürfen. Daher durchsuchte die Strafverfolgungsbehörde den in Aschheim bei München ansässigen Konzern am Mittwoch (1. Juli) zum zweiten Mal binnen kurzer Zeit. Bereits Anfang Juni waren Ermittler angerückt.

Das immer noch im deutschen Leitindex Dax gelistete Unternehmen hatte am 18. Juni eingeräumt, dass Bankguthaben auf Treuhandkonten in Höhe von insgesamt 1,9 Milliarden Euro "mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht bestehen". Ende Juni kündigte Wirecard an, einen Insolvenzantrag stellen zu wollen. Mittlerweile ist Michael Jaffé von der Münchner Kanzlei Jaffé Rechtsanwälte, der auch über das Insolvenzverfahren des Container-Anbieters P&R wacht, zum vorläufigen Insolvenzverwalter ernannt worden. Ins Rollen kam das Drama im Frühjahr 2019 durch Berichte der "Financial Times", wonach das Unternehmen Geschäfte von Auslandstöchtern in Singapur, Dubai und Irland nicht korrekt verbucht habe.

Undurchsichtige Kredite
Im Detail hat KPMG der SZ zufolge Hinweise gefunden, dass Wirecard 2018 zwei Firmen aus Asien die Möglichkeit gewährt habe, Kredite bis zu 250 Millionen Euro in Anspruch zu nehmen – allerdings ohne Sicherheiten zu verlangen. Einer weiteren Firma aus Asien gab Wirecard laut KPMG im selben Jahr Kredite über 115 Millionen Euro, ebenfalls ohne Sicherheiten. Obwohl Zinsen in Millionenhöhe nicht gezahlt worden seien, habe der Wirecard-Vorstand im September 2019 alle Kredite um ein Jahr verlängert.

Pikant: Der Chef dieser Firma aus Asien war früher Manager bei Wirecard, so die SZ unter Berufung auf Unterlagen von KPMG. Die Prüfer schreiben in dem Bericht, sie hätten nicht feststellen können, welche Gesellschaften oder Personen in welchem Umfang von diesen Darlehen "wirtschaftlich partizipierten". Höchst undurchsichtig sei auch ein weiteres von der KPMG geprüftes Geschäft, das über eine Briefkastenfirma auf Mauritius abgewickelt wurde.

Hufeld verteidigt Bafin-Vorgehen bei Wirecard
Die Vorgänge bei Wirecard haben ferner zu heftiger Kritik an der deutschen Finanzaufsicht Bafin und deren Spitze geführt, da sie nicht rechtzeitig reagiert hatte. Dabei lagen ihr Anhaltspunkte dafür vor, dass nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Daher musste Bafin-Präsident Felix Hufeld, am Mittwoch (1. Juli) dem Finanzausschuss des Bundestages in einer nicht öffentlichen Sitzung Rede und Antwort stehen. Er hatte zuvor Fehler seiner Behörde eingestanden.

Dem Nachrichtenmagazin "Spiegel" zufolge habe Hufeld bei der Sitzung sein Vorgehen und das seiner Behörde verteidigt. So habe er die Diskussionen mit der Bundesbank und der Europäischer Zentralbank darüber beschrieben, ob Wirecard eine Finanzholding sei. In dem Falle hätte die Bafin sehr viel mehr Schritte unternehmen können, um den Skandal zu entdecken. Doch in Abstimmung mit beiden Zentralbanken sei Anfang des Jahres festgestellt worden, dass Wirecard als Technologiekonzern zu sehen sei. So war die Bafin laut Spiegel stets formal nur für einen Teil des Konzerns zuständig: die Wirecard Bank.

Als der Verdacht auf Unregelmäßigkeiten in der Bilanz des Mutterkonzerns auftauchte, sei der Behörde nur das sogenannte zweistufige Verfahren übrig gebelieben: Sie schaltete dafür zunächst die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) ein, gibt der "Spiegel" die Darstellung des Bafin-Chefs wider. Die stellte allerdings nur eine Person ab –  mehr als ein Jahr nach dem Auftrag liegt noch keinen Bericht vor. Das sei nicht ungewöhnlich, die DPR brauche im Schnitt 13,5 Monate für eine solche Prüfung, erklärte Hufeld den Abgeordneten. (jb)