Ein gutes Arbeitszeugnis schmeichelt dem Ego des Bewerbers, ist vielen Personalchefs allerdings egal, berichtet die "Neue Zürcher Zeitung" (NZZ). 46 Prozent der Personalverantwortlichen messen Arbeitszeugnissen keinen großen Wert bei, 58 Prozent von ihnen halten den Aufwand für die Erstellung für höher als den Nutzen der Zeugnisse. Das hat eine aktuelle Umfrage der Schweizer Beratungsfirma Rundstedt mit 950 HR-Spezialisten ergeben. 

Grund dafür ist auch die Rechtslage: Arbeitgeber sind gesetzlich verpflichtet, ihren Angestellten Zeugnisse auszustellen, die ihrer Karrierelaufbahn nicht schaden. Kritik verpacken sie entsprechend häufig in versteckten Codes. Allerdings gibt es keine allgemein anerkannte Einigung darüber, welche das sind. Umgekehrt ist Lob in einem Arbeitszeugnis inzwischen wenig wert, kritisieren Experten. "Eigentlich sollte man die Arbeitszeugnisse abschaffen", sagt Jörg Buckmann, Personalchef der Zürcher Verkehrsbetriebe, gegenüber der NZZ. "Vielfach sind die Aussagen geschönt und wenig verlässlich. Unfreiwillige Kündigungen zum Beispiel kompensieren die Firmen häufig mit einem positiven Zeugnis." 

Lieber Gespräch statt Zeugnis
Oft enden Formulierungsstreitigkeiten in Bezug auf Arbeitszeugnisse sogar vor Gericht. Meist haben dabei die Kläger, also die Arbeitnehmer, bessere Chancen. Das treibt die Angeklagten dazu, Zeugnisse noch vor dem Verfahren zu beschönigen. Da Personalchefs mit den vielen Interessenskonflikten rund um die Arbeitszeugnisse vertraut sind, verlangen viele von ihren Bewerbern keine mehr. Talentscout David Luyet von der Swisscom etwa bevorzugt den persönlichen Kontakt zu Kandidaten, um sich einen aussagefähigen Ersteindruck zu verschaffen, verrät er der NZZ. "Oft genügen dazu schon zehn Minuten." (fp)