Nach mehrwöchiger Funkstille melden sich die Insolvenzverwalter der P&R-Gesellschaften zu Wort. Die etwa 54.000 Investoren des insolventen Containeranbieters werden in Kürze Post von der Rechtsanwaltskanzlei Jaffé aus München erhalten. Deren Inhalt ist delikat: Anleger sollen einem Vergleich zustimmen und auf die Verjährung möglicher Ansprüche gegen sie selbst verzichten. Dabei geht es im Kern um komplexe Rechtsfragen und Entscheidungen, mit denen viele Investoren überfordert sein dürften.

Zur Erinnerung: Im Sommer 2018 haben zahlreiche Anleger ihre Forderungen mit Formularen, die von den Insolvenzverwaltern vorausgefüllt waren, angemeldet. Die Beträge wurden im so genannten "positiven Interesse" aus allen erfolgten und geplanten Mietzahlungen bis zum Laufzeitende der Direktinvestments und aus dem vorgesehen Rückkauf der Container zum Investmentende berechnet. Schon damals war klar, dass die Insolvenzverwalter diese Forderungen nicht in voller Höhe anerkennen werden.

Mysteriöses "negatives Interesse"
Nun schlagen die Juristen den Geldgebern einen Vergleich vor, der auf dem so genannten "negativen Interesse" basiert. Dabei werden die Gläubiger so gestellt, als hätten sie ihre Investments nie getätigt, also keine Verträge mit P&R geschlossen. Dies wird dann als Grundlage für die Berechnung der individuellentstanden Schadenshöhe hergenommen. Zu diesem rechnerischen Schadenersatzanspruch haben die Insolvenzverwalter nach eigenen Angaben Aufschläge vorgenommen, die "individuelle Besonderheiten berücksichtigen" und einheitlich bei allen Investoren über das "negative Interesse" hinausgehen. "Die Vergleichsvereinbarung liegt im Interesse der Gläubigergesamtheit und stellt eine sachgerechte Behandlung der Forderungsfeststellung sicher", teilen die Insolvenzverwalter vorab mit.

Anleger sollen dem Vergleich zustimmen, damit einerseits "streitige Auseinandersetzungen" zur Feststellung der Forderung, die Zeit und Geld kosten, vermieden werden. Außerdem könnten die Investoren an Abschlagszahlungen, die ab dem Jahr 2020 geplant sind, teilnehmen, wobei der Vergleich auch den koordinierten Verkauf der Container "sichern" soll.

Aber Achtung: Dem Vergleich zuzustimmen bedeutet keinesfalls, dass Anleger bei den Abschlägen Zahlungen in Höhe ihrer Forderungen erhalten! Es wird nur Quotenzahlungen geben.

"Musterverfahren" geplant
"Themen, die bislang nicht abschließend geklärt sind, werden durch die Vergleichsvereinbarung nicht berührt, wie etwaige Steuerschäden, die die Gläubiger auch weiterhin beziehungsweise erneut zur Insolvenztabelle anmelden können", berichten die Insolvenzverwalter. Es geht dabei auch um die Frage, ob und wann die Insolvenzverwalter die von P&R an die Anleger geleisteten Auszahlungen zurückfordern. Sollten derartige Zahlungen als unrechtmäßig betracht werden, wären die Insolvenzverwalter verpflichtet, diese anzufechten und von den Investoren zurückzufordern – bis zu vier Jahre rückwirkend vom Moment der Insolvenzeröffnung gerechnet. 

Ob es dazu kommmt, müsse in Musterverfahren geklärt werden. Die Insolvenzverwalter fordern von den Anlegern daher nun die Unterzeichnung einer "Hemmungsvereinbarung", durch die strittige Fragen nicht verjähren und später "in Ruhe geklärt" werden können.

Forderungsverzicht inklusive
Das Angebot der Insolvenzverwalter hat natürlich seinen Preis: Mit dem Abschluss des Vergleichs sollen die Anleger keine weiteren Forderungen an die deutschen P&R-Gesellschaften und an die P&R Equipment & Finance Corp. in der Schweiz richten. "Die Vorgehensweise dient dem Schutz der Gläubiger. Sie ist auch erforderlich, um zu vermeiden, dass – auch wenn es nur eine kleine Gruppe von Gläubigern wäre – sich einzelne Gläubiger Vorteile zu Lasten der Gemeinschaft verschaffen", lassen die Insolvenzverwalter wissen.

Bislang seien aus der Containervermietung rund 110 Millionen Euro von der Schweizer P&R-Gesellschaft an die Insolvenzverwalter überwiesen worden. 2019 könnten aus der "regulären Vermietung und Verwertung" weitere 150 Millionen Euro hinzukommen. Abhängig von der Markentwicklung rechnen die Juristen bis Ende 2021 mit Gesamterlösen in Höhe von 560 Millionen Euro. Angesichts der Schadensumme von mehr als 3,5 Milliarden Euro, die Anleger mit den Direktinvestments erlitten haben, ist das nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. (ae)