Die Meldung schlug ein wie eine Bombe: Der Aufsichtsrat der Deutschen Bank sucht im Rahmen des aktuellen Führungsstreits angeblich bereits einen Nachfolger für John Cryan, hieß es vor zwei Tagen. Cryan selbst könnte unter Druck geraten sein, weil er die falschen Allianzen eingegangen ist, mutmaßt Dan Davis von Frontline Analysts auf dem Karriereportal efinancialcareers.com: "Cryans Streit mit Aufsichtsratschef Paul Achleitner über die Beziehung zum größten Aktionär HNA sind allgemein bekannt", so Davis. "Ein Vorstandschef kann sich zwar mit Aufsichtsratschef oder Aktionären anlegen, aber nicht mit beiden zugleich."

Woher die kolportierte Unzufriedenheit mit dem gebürtigen Briten herrührt, kann sich Davis zunächst nicht erklären. So habe Cryan dank der geglückten Kapitalerhöhung vor rund einem Jahr zunächst einmal die Kartoffeln aus dem Feuer geholt: "Dank dieser Kapitalerhöhung verfügt die Deutsche Bank über eine Eigenkapitalquote von 14 Prozent, obgleich die Regulierung lediglich 10,65 Prozent verlangt. Dies lässt dem Institut breiten Raum für organisches Wachstum", meint Davis. 

Vielleicht, so der Analyst, ist der Aufsichtsrat aber der Auffassung, dass mehr Eigenkapital und ein neues Gesicht erforderlich seien, um die Bank auf den ersehnten Wachstumskurs zurückzuführen. "Und das, obgleich Cryan bei der 'Nahtoderfahrung' der Deutschen Bank 2016 einen guten Job gemacht hat.

Purer Aktionismus
Sollte der Deutsche-Bank-Vorstandschef tatsächlich unter Beschuss sein, weil er die falsche Seite des Aufsichtsrats gewählt hat, dürfte es dem Konzern schwer fallen, einen guten Ersatz für ihn zu finden, prophezeit Davis: "Das größte Risiko für die Bank besteht derzeit darin, dass ein Kompromisskandidat wie der ehemalige Barclays-Chef Anthony Jenkins zum Zuge kommt." Davis sieht die Gefahr, dass ein solcher Kandidat eher destruktive Geschäftsentscheidungen treffen würde – nur um überhaupt etwas zu unternehmen.

Das größte Beben würde ausgelöst, wenn sich die Bank aus dem Investmentbanking zurückzöge und auf Zahlungsverkehr, das deutsche Filialgeschäft und das Firmenkundengeschäft beschränke. Dies würde einen beträchtlichen Stellenabbau nach sich ziehen. "Wer im Corporate & Investment Banking des Konzerns arbeitet, sollte sich vor einem solchen Szenario fürchten", mahnt Davis

Der plausibelste Grund für einen möglichen Austausch an der Konzernspitze ist für Aktionäre besonders deprimierend: Manchmal, so Davis, werde ein Vorstandsvorsitzender nur wegen des "Sick Buildung Syndroms" ausgetauscht – "einer Managementkultur, die einer langfristigen Planung feindlich gegenübersteht. Die Deutsche Bank hat in den vergangenen zehn Jahren viele Führungskräfte verloren."

Cryan gibt nicht klein bei
Mittlerweile hat sich auch der Vielgescholtene selbst zu Wort gemeldet. "Ich möchte Ihnen versichern, dass ich mich weiterhin mit all meiner Kraft für die Bank einsetze und gemeinsam mit Ihnen den Weg weiter gehen möchte, den wir vor rund drei Jahren angetreten haben”, schrieb Cryan am Mittwoch an die Mitarbeiter von Deutschlands größtem Geldhaus. In seinem Memo hat der Top-Manager auch einen kleinen Seitenhieb auf Chefkontrolleur Achleitner parat: "Wir müssen uns weiter darauf konzentrieren, unsere mit dem Aufsichtsrat abgestimmte Strategie umzusetzen. Hier gibt es keinen Dissens." (fp/ps)