Frauen verdienen oft weniger als Männer. In Deutschland bekommen sie über alle Branchen hinweg im Schnitt 21 Prozent weniger Geld. Besonders groß ist der "Gender Pay Gap" in der Finanzbranche, zeigt eine Auswertung der Personalberatung Willis Towers Watson (WTW) für das "Handelsblatt": Dort beträgt der Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern ganze 28 Prozent. Das liegt in erster Linie daran, dass es in der Finanzbranche kaum Frauen in verantwortungsvollen und entsprechend gut bezahlten Positionen gibt.

Die WTW-Experten haben die Personalchefs von 147 Banken in Deutschland befragt. Auf den ersten Blick geht es in den Instituten geschlechtertechnisch ausgeglichen zu, sie beschäftigen rund ebenso viele Frauen wie Männer. In den unteren Hierarchieebenen sind Frauen sogar in der Überzahl: im Kundendienst, in den Callcentern, auf Sachbearbeiterinnen-Ebene. Je höher man in der Hierarchie geht, desto seltener trifft man aber auf weibliche Mitarbeiter. Bei den Führungspositionen steht in der deutschen Finanzbranche schließlich im Schnitt eine Frau drei Männern gegenüber.

Eine Branche pflegt die Ungleichheit
Zwar berufen Banken gern einzelne Frauen in den Vorstand. Auf der obersten Hierarchieebene steigt ihre Quote deshalb wieder leicht an. Das ist allerdings nicht viel mehr als Kosmetik für die Öffentlichkeit. In den wichtigen – und gut entlohnten – Jobs direkt unterhalb des Topmanagements ist der Testosteronspiegel hoch. Daran hat sich in den vergangenen Jahren auch nichts geändert: "Zwischen 2015 und 2019 hat sich das Bild nicht nachhaltig verbessert, allen Diskussionen um mehr Frauenförderung zum Trotz", sagt WTW-Experte Florian Frank im "Handelsblatt".

Die Auswirkungen der ungleichen Job-Chancen auf das Lohnniveau sind augenfällig. "Fair Pay ist in der Finanzbranche hauptsächlich ein Thema der Chancengleichheit und weniger ein Thema von gleichem Geld für gleiche Arbeit", so Frank. Stehen Frauen und Männer auf derselben Hierarchiestufe, verdienen Frauen in der Finanzindustrie "nur" fünf bis zehn Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Kreditinstitute müssen deshalb deutlich größere Anstrengungen unternehmen, um Frauen den Weg in höhere Positionen freizumachen, fordert der WTW-Experte.

Investmentbanker hängen ihre Kolleginnen ab
Besonders groß ist die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern im Investmentbanking, also dort, wo in der Finanzbranche in guten Zeiten das große Geld gemacht wird. In diesem Bereich verdienen Frauen sogar dann deutlich weniger als Männer, wenn sie auf derselben Hierarchiestufe stehen: Im Schnitt bekommen sie zwischen neun und 40 Prozent weniger Geld. Das liegt offenbar daran, dass erfolgsabhängige Boni im Investmentbanking einen großen Teil des Gehalts ausmachen und Männer höhere Boni aushandeln. (fp)