Allen Horrorszenarien zum Trotz: Deutsche Lebensversicherer haben erstaunlich viel Geld auf der hohen Kante – und es wird immer mehr: Im Schnitt konnten die Anbieter in den vergangenen zwölf Monaten ihre Finanzkraft massiv aufpolstern. Das belegen die aufsichtsrechlichen Solvenzverhältnisse (SCR-Quoten) der Gesellschaften, die 2017 im Schnitt um sagenhafte 63 Prozentpunkte (!) auf 451 Prozent gestiegen sind, wie die Ratingagentur Assekurata ermittelt hat.

Die Solvenzquoten geben in einem Extremszenario das Verhältnis der Eigenmittel eines Versicherers zu seinen Verpflichtungen gegenüber Versicherten und anderen Leistungsempfängern wieder. Nach aufsichtsrechtlichen Vorgaben sollte die Quote stets bei mindestens 100 Prozent liegen: Denn dann hat eine Versicherungsgesellschaft ausreichend Eigenmittel, um alle Verpflichtungen in dem unter Solvency II definierten Schock-Szenario zu erfüllen. An dieser Hürde scheiterten nicht einmal die 20 Versicherer mit den niedrigsten SCR-Quoten.

Die 20 Gesellschaften mit den niedrigsten SCR-Quoten

Trotz des branchenweiten Wachstums weisen einige Gesellschaften eine deutlich geschrumpfte Quote auf, wie Assekurata weiter schreibt. Dabei verzeichne die Sparkassenversicherung Sachsen mit einem Minus von 400 Prozentpunkten den höchsten Rückgang auf. Allerdings kann sie das verschmerzen, sie liegt dennoch mit 990 Prozent (Vorjahr: 1.391 %) noch immer signifikant über dem Branchenschnitt. Ihre Quote wird nur noch von der Europa mit 996 Prozent übertroffen. Demgegenüber kann die Ergo Direkt den branchenweit höchsten Anstieg von 221  auf 738 Prozent verzeichnen (siehe Tabelle unten).

Die 20 Gesellschaften mit den höchsten SCR-Quoten

Schaut man auf die ohne Übergangs- und Hilfsmaßnahmen ermittelten SCR-Quoten, so sieht man, dass elf Versicherer unter der 100-Prozent-Marke liegen. Darunter befinden sich auch zwei Gesellschaften, die die älteren Lebensbestände anderer Versicherer abwickeln – sogenannte Run-off-Plattformen. Die Probleme dieser Gesellschaften beruhen unter anderem auf den verschärften Eigenkapitalanforderungen für die Risikoabdeckung unter der EU-Versicherungsrichtlinie Solvency II: Diese schreibt – stark vereinfacht – vor, dass die unterschiedlichen, von den Versicherern abzudeckenden Risiken stärker mit Eigenkapital unterlegt werden müssen. Das spiegelt sich auch in den Solvenzquoten wider. 

Run-offs im Kreuzfeuer
Den Assekurata-Experten zufolge haben daher einige klassische Lebensversicherer, die mit einer vergleichsweise dünnen Kapitaldecke ausgestattet und darüber hinaus von hohen Kapitalanforderungen aufgrund ihrer Leistungsverpflichtungen aus dem Bestand betroffen sind, unter Solvency II größere Herausforderungen zu stemmen. Letzteres zeige sich auch bei einigen Run-off-Gesellschaften, die aufgrund des beendeten Neugeschäfts und der hohen Zinsanforderungen ohne Übergangsmaßnahmen auf relativ niedrige Solvenzbedeckungen kommen.

"Mit Blick auf die Zukunft setzt bei Versicherern im Run-off-Stadium über die Zeit typischerweise eine bestandsbedingte Verbesserung ein, da die hohen zinsfordernden Altbestände allmählich ablaufen", relativiert aber Lars Heermann, Bereichsleiter Analyse und Bewertung bei Assekurata. "Jedoch hängt dies individuell stark von der jeweiligen Bestandsstruktur und den Restlaufzeiten der Verträge ab." (jb)