"Tief verunsichert": EZB-Belegschaft wehrt sich gegen Aufseherin
Ein internes Schreiben sorgt für Unruhe bei der EZB: Mitarbeiter kritisieren Aussagen einer lettischen Vertreterin im Aufsichtsgremium, die eine neue "Denkweise" fordert. Die Debatte weckt Erinnerungen an frühere Spannungen innerhalb der Zentralbank.
Mitarbeiter der Europäischen Zentralbank (EZB) stoßen sich an Äußerungen einer ranghohen Vertreterin, die eine neue "Denkweise" für die Aufsicht über die größten Banken der Region gefordert hat.
In einem Schreiben an die Vorsitzende des Aufsichtsgremiums, Claudia Buch, erklärte der Personalrat der Zentralbank, jüngste Aussagen der lettischen Vertreterin Santa Purgaile, die auch Mitglied des Lenkungsausschusses ist, hätten einige Kollegen "tief verunsichert". Das geht aus einem Dokument hervor, in das die Nachrichtenagentur "Bloomberg" Einblick hatte.
Forderung, "Menschen zu verändern"
Purgaile hatte in einem "Bloomberg"-Interview im Dezember erklärt, dass es mit Blick auf die Vorbereitung für die nächste Phase der Aufsicht notwendig sein könne, "Menschen zu verändern". Zudem sei der nach der Finanzkrise eingeführte Konservatismus ein "psychologisches Thema, das wir angehen müssen".
Aufsichtsbehörden weltweit überprüfen zunehmend die Vielzahl an Regeln, die nach der Finanzkrise 2008 zur Stärkung der Widerstandsfähigkeit von Banken eingeführt worden waren.
Buch will Aufsicht effizienter machen
Buch will die EZB effizienter machen und den administrativen Aufwand für Banken reduzieren, ohne deren mühsam erarbeitete Widerstandsfähigkeit aufzugeben.
Teil davon ist eine von ihr als "Initiative zur Aufsichtskultur" bezeichnete Maßnahme, mit der diese Reformen im täglichen Entscheidungshandeln verankert werden sollen.
Personalrat sieht Lehren aus der Krise infrage gestellt
Purgailes Aussagen seien "in mehrfacher Hinsicht besorgniserregend", heißt es in dem auf den 4. Februar datierten Schreiben. "Sie deuten darauf hin, dass die in den vergangenen Jahren unternommenen Anstrengungen zur Umsetzung der Lehren aus der vorherigen Krise nun infrage gestellt werden, mit dem Ziel, sie wieder rückgängig zu machen."
Ein weiterer Kritikpunkt der Mitarbeiter betrifft laut dem Schreiben den Einfluss nationaler Interessen bei der Aufsicht über einzelne Banken. Purgailes Äußerungen seien zudem "besorgniserregend sowohl aus der Perspektive der Vielfalt von Denkweisen als auch der Arbeitsplatzsicherheit".
Eine Sprecherin der EZB lehnte eine Stellungnahme ab, ebenso Purgaile.
Purgaile ist eines von mehr als 30 Mitgliedern des Aufsichtsgremiums, das die Aufsichtsarbeit der EZB vorbereitet. Zugleich ist sie stellvertretende Gouverneurin der lettischen Zentralbank, deren Mandat über das der EZB hinausgeht, da sie neben der Stabilität der Banken auch die Marktentwicklung berücksichtigt.
Erinnerungen an Elderson-Vorfall 2024
Die Spannungen erinnern an einen Vorfall im Jahr 2024. Dabei fragte EZB-Direktoriumsmitglied Frank Elderson, warum die EZB Menschen einstelle, "die wir erst umprogrammieren müssen", weil sie sich nicht ausreichend um den Klimawandel kümmerten.
Diese Aussagen stießen ebenfalls auf Kritik von Mitarbeitern, der Niederländer lieferte später eine Klarstellung. Diese Parallelen blieben auch den EZB-Mitarbeitern nicht verborgen. "Wir haben die damaligen Entschuldigungen geschätzt, auch wenn es scheint, dass sich diese 'Denkweise' überhaupt nicht geändert hat", heißt es in dem Schreiben.
Wiederkehrende Spannungen unter Lagarde
Spannungen zwischen der Führung der EZB und den unteren Ebenen sind während der Präsidentschaft von Christine Lagarde wiederholt aufgeflammt.
Umfragen der Gewerkschaften zeigten ein geringes Vertrauen in das Top-Management, während Lagarde argumentierte, interne Untersuchungen der Zentralbank hätten eine breite Zufriedenheit unter den Beschäftigten ergeben. (mb/Bloomberg)














