Nach mehreren Stützungsfällen bei genossenschaftlichen Banken hat BVR-Präsidentin Marija Kolak im Interview mit der Nachrichtenagentur "Bloomberg" die von einzelnen Instituten eingegangenen Risiken scharf kritisiert und ein konsequenteres Durchgreifen angekündigt. In dem ausführlichen Gespräch äußerte sie sich außerdem zum demografischen Wandel, zum Start des Kryptohandels sowie zur Entscheidung, Apple bei bestimmten Handy-Bezahlvorgängen auszuschließen.

Einzelne Banken hätten "das Fahrwasser unseres Verbundes verlassen", erklärte Kolak. "Es gab Missmanagement, es wurden unverantwortliche Risiken eingegangen."

Gemeinsame Haftung kann teuer werden
Das könne für die übrigen Genossenschaftsbanken kostspielig werden. Über ihre gemeinsame Sicherungseinrichtung haben sie sich verpflichtet, sich in Krisenfällen gegenseitig zu stützen.

Künftig sollen kriselnde Banken nach Angaben Kolaks schneller und wirksamer begleitet werden. Vorgesehen sei, die Eingriffsrechte der Sicherungseinrichtung zu stärken, bestimmte Institute gegebenenfalls mit höheren Beiträgen zu belegen und Banken schneller aus der Geno-Solidargemeinschaft herauszulösen.

Ausschluss als "ultima ratio"
"In letzter Instanz wollen wir, dass der Verbandsrat die Möglichkeit hat, ein Institut als ultima ratio aus der Institutssicherung auszuschließen", erklärte Kolak. "Diesen Mechanismus gibt es zwar bereits, allerdings dauert die Umsetzung lange, weil die Mitgliederversammlung dies entscheiden muss." Bislang hat es noch nie einen solchen Ausschluss gegeben.

Mehrere Stützungsfälle hatten zuletzt für Aufmerksamkeit gesorgt. So wurde bei der VR-Bank Bad Salzungen Schmalkalden im Jahr 2024 ein hoher Wertberichtigungsbedarf bei Krediten, Immobilien und Beteiligungen bekannt. Die Volksbank Dortmund-Nordwest geriet wegen Immobilienfonds, in die sie investiert hatte, in Schwierigkeiten. Die Volksbank Düsseldorf Neuss sah sich einer Forderung von 100 Millionen Euro ausgesetzt, da sie nach eigener Darstellung Opfer "betrügerischer Machenschaften" wurde.

Keine Absicherung riskanter Strategien
Kolak betonte, dass die Sicherungseinrichtung nicht dazu diene, riskante Geschäftsmodelle aufzufangen. "Es wird auch in Zukunft Banken geben, denen unsere Solidargemeinschaft aufgrund schwieriger Wirtschaftslagen vorübergehend unter die Arme greifen muss. Für solche Fälle ist das System gemacht", sagte sie.

Insgesamt seien die meisten genossenschaftlichen Primärbanken solide aufgestellt. Das zeige sich auch in den Geschäftszahlen. Sowohl das Zins- als auch das Provisionsergebnis dürften 2025 über den Werten von 2024 liegen. Die Risikovorsorge der Ortsbanken werde sich 2025 trotz steigender Firmeninsolvenzen voraussichtlich auf Vorjahresniveau bewegen. Weitere Details will die Gruppe auf einer Pressekonferenz im März bekannt geben.

Kryptoangebote und Bezahlen ohne Apple Pay
Parallel treiben Volks- und Raiffeisenbanken Initiativen voran, die vor allem für jüngere Kunden attraktiv sein sollen. So hat das genossenschaftliche Spitzeninstitut DZ Bank eine Lösung entwickelt, mit der Primärbanken ihren Kunden den Handel mit Kryptowährungen ermöglichen können. Ob dieses Angebot eingeführt wird, entscheidet jedoch jede Bank selbst.

"Wir sehen ein reges Interesse unserer Primärbanken, ihren Kunden den Handel von Kryptowährungen anzubieten", sagte Kolak. Zugleich betonte sie, dass Bitcoin & Co. ein "hochspekulatives Anlageinstrument" blieben.

"Wir sichern die digitale Souveränität der Girocard"
Bereits flächendeckend eingeführt haben die Genobanken eine Funktion, mit der an der Kasse per iPhone ohne Apple Pay bezahlt werden kann. Die Girocard ist in die eigene Banking-App der genossenschaftlichen Gruppe integriert. Zuvor hatte Apple mobiles Bezahlen auf dem iPhone ausschließlich über Apple Pay ermöglicht. 

"Der Schritt hat vor allem strategische Bedeutung: Wir sichern die digitale Souveränität der Girocard, auch beim mobilen Bezahlen", sagte Kolak. Es gehe darum, die "Abhängigkeiten von internationalen Plattformen zu reduzieren". Zugleich würden die Banken die Kontrolle über Funktionalität, Weiterentwicklung und Kundenschnittstelle in der eigenen Banking-App behalten. Die Resonanz der Kunden sei sehr gut.

Nachwuchs, KI und internationale Konkurrenz
Um besser zu verstehen, welche Erwartungen junge Menschen an Genossenschaftsbanken haben, hat die Gruppe den Thinktank "Neonblau" gegründet. Er setzt sich zur Hälfte aus jungen Mitarbeitern der Genobanken und zur Hälfte aus externen jungen Menschen zusammen. In regelmäßigen Treffen werden auch eigene Angebote und Lösungen entwickelt.

Der demografische Wandel beschäftigt Kolak zudem mit Blick auf die Beschäftigten. "Bis 2032 werden rund 25 Prozent der Mitarbeiter bei den genossenschaftlichen Primärbanken in Rente gehen. Das sind rund 30.000 Menschen", erklärte sie. Diese Lücke solle durch Neueinstellungen sowie Produktivitätsgewinne mithilfe von KI geschlossen werden.

Gelassen zeigte sich Kolak angesichts des Markteintritts ausländischer Banken in den deutschen Retailmarkt, etwa von BBVA oder JP Morgan Chase. "Wir beobachten die Markteintritte sehr genau, und haben auch schon in der Vergangenheit Wettbewerber kommen und gehen sehen", sagte sie. Letztlich sei dies ein Beleg für die Attraktivität des deutschen Marktes. (mb/Bloomberg)