Die dramatische geopolitische Lage und das völlig unberechenbare Handeln des russischen Präsidenten Wladimir Putin lassen keinerlei Prognosen darüber zu, wo die Börsenindizes am Jahresende stehen werden. Davon ist der Mitgründer und Mitinhaber der Fondsboutique Gané, Uwe Rathausky, überzeugt. Jetzt sei weder die Zeit gekommen, um im großen Stil in Aktien einzusteigen, noch eine Gelegenheit, Papiere massiv abzustoßen. Vielmehr komme es darauf an, in Unternehmen zu investieren, die mit ihren guten Ergebnissen die aktuell düstere Marktlage kontrastieren. Wie Rathausky den Acatis Gané Value Event krisenfest macht, erklärt er im Interview mit FONDS professionell ONLINE.


Herr Rathausky, der Krieg in der Ukraine hält die Welt in Atem. Viele Fonds bekommen das auch zu spüren. Wie ist Ihr Mischfonds, der Acatis Gané Value Event, derzeit positioniert?

Uwe Rathausky: Unsere Allokation umfasst derzeit zu 72 Prozent Aktien, 16 Prozent Anleihen und zwölf Prozent Liquidität. Die Anleihen betreffen fast ausschließlich Geldmarktersatzpapiere mit AAA-Bonität und kurzer Laufzeit in US-Dollar und norwegischen Kronen. Das hilft uns momentan auf der Währungsseite, und wir behalten gleichzeitig genügend Flexibilität, um auf das Marktgeschehen reagieren zu können.

Derzeit wird häufig die alte Börsenweisheit "Kaufen, wenn die Kanonen donnern" bemüht. Ist es denn tatsächlich Zeit, jetzt in Aktien einzusteigen?

Rathausky: Ich halte von diesem Spruch, während sich in der Ukraine eine humanitäre Katastrophe abspielt, überhaupt nichts. Das ist pietätlos. Außerdem: Wer sich jetzt an dieser Börsenweisheit orientiert, der unterschätzt die dramatische geopolitische Lage, in der wir uns befinden. Wir gehen ja immer von der Rationalität handelnder Personen aus. Putin zeigt uns aber, dass wir uns darauf nicht verlassen dürfen. Sein Verhalten ist unberechenbar. Es kann jederzeit zu Spillover-Effekten auf Nato-Staaten kommen. Ich verstehe, dass Investoren in solch einer Situation Orientierung möchten. Ich bin aber erstaunt, wenn sich Experten nun hinstellen und prognostizieren, wo genau die Börsenindizes am Jahresende stehen werden.

Bedeutet das im Umkehrschluss, dass es besser wäre, Aktien jetzt zu verkaufen?

Rathausky: Das denke ich ebenfalls nicht. Panik ist immer ein schlechter Ratgeber. Wir wählen den umsichtigen und ausbalancierten Weg, der uns Flexibilität in verschiedenen Richtungen ermöglicht. Dazu zählt, dass wir in kein Unternehmen aus Osteuropa investiert sind und auch keine Branchen allokieren, die wie Banken und kapitalintensive Industrieunternehmen in besonderem Maße unter der Krise leiden werden. Wir sind überhaupt nur mit einem Drittel des Portfolios in Aktien von Unternehmen investiert, die ihren Sitz in Europa haben.

In welche Unternehmen sind Sie schwerpunktmäßig investiert?

Rathausky: In solche, deren hervorragende Ergebnisse mit der aktuellen düsteren Marktlage kontrastieren. Apple, Microsoft, Alphabet, Amazon und Salesforce verdienen allesamt unglaublich viel Geld weltweit. Die ökonomischen Haupttrends dieser Unternehmen sind intakt. Das wird selbst dann so bleiben, wenn Russland als Absatzmarkt ausfällt. Im Gegenteil, zum Beispiel steigt momentan das Bedürfnis der Menschen nach Informationen und Nachrichten. Davon sollte Alphabet mit Youtube und die RTL Group mit dem Nachrichtensender N-TV profitieren. Die RTL Group wird uns demnächst eine Dividendenrendite von acht Prozent liefern, Berkshire Hathaway hat allein letztes Jahr dank eines operativen Cashflows von fast 40 Milliarden US-Dollar mehr als vier Prozent der eigenen Aktien zurückgekauft. In Deutschland erhalten wir von der Allianz und Münchner Rück Dividendenrenditen von jeweils fünf Prozent. Gleichzeitig nutzen beide Versicherungskonzerne ihre überschüssige Kapitalausstattung zum Rückkauf eigener Aktien. Angesichts des noch vorherrschenden Nullzinsumfelds macht es keinen Sinn, solche Unternehmen zu verkaufen.

Das stimmt, es könnte aber sein, dass die Zinsen bald steigen.

Rathausky: In den USA ja, in Europa kann ich mir das in der gegenwärtigen Situation nicht vorstellen. Ein Zinsanstieg hilft weder, einen Krieg zu beenden, noch eine Inflation zu bekämpfen, die vor allem auf Materialknappheit zurückzuführen ist. Außerdem werden die europäischen Staatshaushalte künftig durch Rüstungsausgaben, humanitäre Hilfen und weniger Steuereinnahmen belastet. Ich fürchte, wir schlittern erst einmal in einen wirtschaftlichen Abschwung mit steigenden Preisen.

Sie sprechen von Stagflation?

Rathausky: Richtig. In der Automobilindustrie stehen bereits einzelne Bänder still. Wenn Sie heute ein Auto kaufen oder ein Haus bauen möchten, dann dürfen Sie nicht auf Preiszugeständnisse oder schnelle Erfüllung hoffen. Mein Lieblingsitaliener hat seine Preise bereits kräftig erhöht. Mehl, Gas, Fisch, alles hat sich zuletzt rapide verteuert. Es bleibt zu hoffen, dass sich die Knappheiten wieder auflösen werden, noch bevor Lohn-Preisspiralen einsetzen, auf die die Europäische Zentralbank mit einer schnellen geldpolitischen Straffung reagieren müsste.

Das heißt, die sorgfältige Aktienauswahl bleibt das Maß aller Dinge?

Rathausky: Absolut. Gefragt sind ertragsstarke Geschäftsmodelle mit ultrasoliden Bilanzen, geringer Kapitalintensität, wiederkehrenden Umsätzen und der Fähigkeit, Preise überwälzen zu können. Unternehmen, die wie Salesforce und Microsoft andere Unternehmen dabei unterstützen, besser zu werden. Die Wirtschaft ist gezwungen, sich zu optimieren. Wenn solche Unternehmen dann noch durch eine hohe Ausschüttung aus Dividenden und Aktienrückkäufen abgesichert sind, ist das umso besser. Auch im Bereich der Risikoarbitrage finden wir derzeit das ein oder andere interessante Investment.

Wie sieht es mit Aktien von Rüstungsunternehmen aus und mit Versorgern, die auf Öl, Kohle und Atomkraft setzen?

Rathausky: Diese Branchen stehen bei Anlegern derzeit hoch im Kurs. Mit unserem Acatis Gané Value Event, der als Artikel 8-Fonds eingestuft ist, sind wir hier aber außen vor. In Unternehmen solcher Branchen investieren wir nicht und das ist auch gut so. Gleichwohl spüren wir eine Art Zeitenwende. Die Europäische Union hat unlängst Atomkraft und Erdgas als nachhaltig eingestuft. Und wenn man sich heute die politischen Entscheidungen zur Aufrüstung und Weiternutzung fossiler Energieträger anschaut, die für sich genommen absolut notwendig und richtig erscheinen, dann muss die Finanzbranche wirklich aufpassen, dass sie sich nicht abseits der Realitäten akademisch verstolpert.

Wie meinen Sie das?

Rathausky: Schauen Sie, wir werden auch weiterhin nicht in Waffen investieren, schon aus Überzeugung nicht. Dennoch muss man heute feststellen, dass es für unser Überleben als Nationalstaat möglicherweise unerlässlich ist, Waffen zu besitzen. Investoren tun sich gerade unheimlich schwer damit, Nachhaltigkeit zu definieren. Und mit Sicherheit hat man sich in letzter Zeit zu viel um Gender-Sternchen gekümmert und darüber das Große und Ganze aus dem Blick verloren. Etwas mehr Augenmaß und weniger ideologische Verbrämung ist gefordert.

Anleger sind seit Kriegsbeginn natürlich verunsichert. Kommen Ihre Investoren derzeit verstärkt mit Fragen auf Sie zu?

Rathausky: Ja, natürlich ist das Aufkommen derzeit erhöht. Wir versuchen, allen Anfragen gerecht zu werden und vor allem das Portfolio so robust auszurichten, dass Investoren weiterhin ruhig schlafen und wir die Chancen der aktuellen Verwerfungen ergreifen können.

Vielen Dank für das Gespräch. (am)