Wall-Street-Banken verschärfen KI-Regeln für Bewerber
Während Großbanken Künstliche Intelligenz im Tagesgeschäft längst fördern, wollen sie eines strikt verhindern: dass Bewerber KI im Auswahlprozess einsetzen. Die Institute verschärfen daher ihre Screening-Verfahren – teils mit KI-Detektionssoftware.
Die größten Häuser der Wall Street betonen zwar, wie stark künstliche Intelligenz ihre Mitarbeitenden unterstützt – vom Kundenservice bis zum Investmentbanking –, doch eines wollen sie verhindern: dass Bewerber KI einsetzen.
Während der Pandemie hatten Banken begonnen, virtuelle Interviews und Online-Tests zu nutzen. Das beschleunigte den Prozess, öffnete aber auch die Tür für Bewerber, die ChatGPT nutzen, um ihre Chancen zu erhöhen. Nun ergreifen Institute Maßnahmen dagegen, darunter der Einsatz von Erkennungssoftware. Einige Kandidaten argumentieren hingegen, sie nutzten nur die Tools, die später ohnehin von ihnen erwartet werden.
Warum nicht vor der Einstellung?
"Goldman wird wollen, dass die Kandidaten GenAI im Job nutzen. Warum sollte man es ihnen dann nicht im Vorfeld erlauben?", sagte Nathan Mondragon, Chief Innovation Officer bei Hirevue, einer KI-gestützten Screening-Plattform, die bei den meisten großen US-Banken zum Einsatz kommt, darunter auch Goldman Sachs. "Sie gehen einen anderen Weg und sagen, dass es im Wesentlichen eingeschränkt ist."
Branche ringt um neue Kriterien – jenseits von KI-Unterstützung
Da KI zunehmend einfache Tätigkeiten automatisiert, steht die Branche vor der Herausforderung, Bewerber mit kritischem Denkvermögen zu identifizieren – also jene Fähigkeiten, die nötig sind, um KI sinnvoll einzusetzen. Die Institute passen ihre Prozesse an, um sicherzustellen, dass Kandidaten auch ohne KI zu den besten gehören – auch wenn die Banken dazu selbst KI einsetzen.
Mehrstufiger Bewerbungsprozess bleibt anspruchsvoll
Der Auswahlprozess in der Finanzbranche ist traditionell intensiv. Typisch ist ein Erstscreening über Plattformen wie Hirevue, das mithilfe von KI die Bewerberzahl reduziert. Es folgen technische Interviews, in denen praktische und fachliche Kenntnisse geprüft werden. Die finale Stufe bildet der "Superday" – ein ganztägiges Event mit mehreren aufeinanderfolgenden Interviews.
Trotz des strengen Auswahlverfahrens wächst die Nachfrage: Mit erwarteten Rekordboni drängen viele junge Talente in die Branche – manche nutzen KI für Unterstützung.
15 Prozent auffälliges Verhalten – KI-Nutzung inklusive
Testgorilla, ein Anbieter von Persönlichkeitstests und fachspezifischen Assessments, wird von vielen Finanzinstituten eingesetzt. Von mehr als fünf Millionen über die Plattform geprüften Kandidaten zeigten rund 15 Prozent "potenziell verdächtige Aktivitäten", darunter KI-Unterstützung, sagte Claudia Baijens, Vice President of Product. Im Finanzsektor liege der Wert sogar "einige Prozentpunkte höher".
Recruiter erkennen KI-Antworten schnell
Meredith Dennes, Recruiterin bei Prospect Rock Partners, sucht selbst gezielt nach Hinweisen auf KI-Nutzung. Antworten, die zu einstudiert oder zu generisch klingen, hinterfragt sie weiter. Bleiben die Antworten oberflächlich, lehnt sie den Kandidaten ab.
Banken wollten Mitarbeitende, die mehr einbringen als die Tools, die sie verwenden, sagte sie. Ein Bewerber habe mithilfe von KI eine Boutique-Firma recherchieren wollen – die gelieferten Informationen waren falsch. Er erhielt eine Absage. "Man muss KI als Werkzeug nutzen, aber nicht komplett darauf bauen", sagte Dennes.
KI zur Vorbereitung – aber nicht im Gespräch
Aiden Swenson, Student an der Bentley University und frisch gebackener Praktikant, sagte, er habe KI nie in Interviews eingesetzt. Freunde, die während des Bewerbungsprozesses auf Chatbots gesetzt hatten, hätten später größere Schwierigkeiten im Job gehabt. Er selbst nutzte KI lediglich zur Optimierung von Lebenslauf-Stichpunkten und zum Üben von Interviewfragen.
"Ich glaube nicht, dass KI Jobs komplett ersetzt", sagte Swenson. "Sie ersetzt Menschen, die nicht wissen, wie man sie nutzt, durch Menschen, die das können."
Software erkennt KI-Nutzung – inklusive "Ehrlichkeitsklausel"
Hirevue und Testgorilla haben Schutzmechanismen eingebaut, etwa das Tracking von Tabwechseln oder ungewöhnlich langen Antwortzeiten. Testgorilla führt zudem eine "Ehrlichkeitserklärung", in der Bewerber zusichern müssen, keine KI zu verwenden.
Goldman Sachs verschickte dieses Jahr Schreiben an Bewerber – auch für Investmentbanking-Positionen –, in denen digitale Unterstützung ausdrücklich untersagt wurde. "Diese Formulierung gilt für alle Campus-Bewerber, für jede Position", sagte Sprecherin Jennifer Zuccarelli per E-Mail. "Wir wollen Bewerber in ihrer eigenen Stimme hören."
Schnellere Case Studies, anspruchsvollere Fachfragen
Auch in technischen Interviews ziehen Banken die Schrauben an. Kandidaten erhalten weniger Zeit für Case Studies – früher Tage, heute oft nur Stunden. Im anschließenden Gespräch sollen sie den Lösungsweg erläutern und zeigen, dass keine KI beteiligt war.
Um echte Fachkenntnisse zu prüfen, stellen Banken zunehmend spezifische Fragen zu Finanzmodellen, zur Begründung von Transaktionen oder zur Branchenaussicht, sagte Patrick Curtis, Gründer von Wall Street Oasis.
"Man will weiterhin Intelligenz und gesunden Menschenverstand erkennen können", sagte Curtis. "Wenn ein LLM etwas Unsinniges ausspuckt, braucht es jemanden, der das fachlich versteht und kritisch einordnet." Bei einem LLM handelt es sich um ein Large Language Model – ein KI-Modell, das mit sehr großen Textmengen trainiert wurde und dadurch natürliche Sprache verarbeiten und erzeugen kann (z.B. ChatGPT oder Gemini).
"Superdays" wieder in Präsenz
"Superdays" finden inzwischen wieder vor Ort statt. "Ich sehe niemanden, der eingestellt wird, ohne persönlich getroffen zu werden", sagte Dennes. Künftige Führungskräfte müssten Kundenbeziehungen aufbauen können – etwas, das KI nicht leisten könne. "Beziehungen kann man nicht outsourcen."
Nach der Einstellung ist KI-Kompetenz Pflicht
Sobald Bewerber eingestellt sind, sollen sie KI jedoch sofort produktiv nutzen können. Dave McKay, Chef der Royal Bank of Canada, wünscht sich, dass Hochschulen verstärkt Fähigkeiten im Umgang mit großen Sprachmodellen vermitteln.
Die nächste Generation solle "in mein Unternehmen kommen und gleich eine höherwertige Rolle übernehmen können, weil sie mit besserem Zugang zu Informationen effizienter arbeiten und nicht alle Lernlücken ab Tag eins schließen müssen", sagte er. "Die LLMs unterstützen sie." (mb/Bloomberg)
















