Der tägliche Einblick, wie genau das Geld investiert ist, gilt als einer der großen Vorzüge von börsengehandelten Fonds (ETFs). Doch in Europa hat sich eine Tür geöffnet, die den Anbietern eine Abkehr von dieser Transparenz ermöglicht. Das Vorbild ist der US-Markt. Hier räumte die Wertpapieraufsicht SEC bereits im Jahr 2019 die Option ein, vom Gebot der täglichen Offenlegung des Portfolios abzuweichen.

Nach langem Zögern folgte die Luxemburger Finanzaufsicht CSSF im Dezember 2024. Demnach muss bei aktiven ETFs die Zusammensetzung nur noch monatlich mit maximal einem Monat Verzögerung publik gemacht werden. Schließlich zog die irische Finanzaufsicht nach. Die Insel ist immerhin das mit Abstand größte europäische Domizil für ETFs. Als erster Anbieter nutzte Fidelity International die Freiheit und startete einen Fonds auf US-Aktien mit kleiner und mittlerer Marktkapitalisierung. Dieser ist Teil einer neuen Serie des Hauses, die auf aktivere Strategien im ETF-Mantel setzt.

Nachahmer abwehren
Doch welche Vorteile erhoffen sich die Anbieter von sogenannten semitransparenten ETFs? Vor allem geht es darum, Nachahmer abzuwehren. Dies betrifft naturgemäß eher aktive als indexbezogene Ansätze. "Je konzentrierter eine Strategie oder je höher der Portfolioumschlag ist, desto relevanter wird die Frage der Transparenz", erläutert Nick King, ETF-Chef der Fondsgesellschaft Robeco. "Hier geht es darum, unser geistiges Eigentum zu schützen. Dies liegt auch im Interesse unserer Kunden, die dafür ja bezahlen." Die Niederländer haben noch keine semitransparenten ETFs in der Pipeline, schauen sich diese Option aber an.

Was auf den ersten Blick einfach klingt, wirft im Detail Fragen auf. Denn der Einblick in das Portfolio stellt einen wichtigen Faktor für die Liquidität eines ETF dar. So können die vom Anbieter beauftragten Authorized Participants Anteile erschaffen und auflösen. Die von den Börsen beauftragten Market Maker wie­derum sollen einen liquiden Handel sicherstellen. Ein genauer Überblick über die Bestandteile erlaubt diesen Akteuren, möglichst aktuelle Kurse zu ermitteln.

Geheimniskrämerei
In den USA gingen allerdings ETFs an den Start, deren Anbieter sogar diesen Parteien die detaillierte Zusammensetzung verschweigen. Dahinter stehe die Furcht, dass diese Akteure – meist große Investmentbanken oder Handelshäuser – das Wissen für ihr Eigengeschäft ausnutzen, verrät ein Brancheninsider hinter vorgehaltener Hand. Dieses als "Frontrunning" bezeichnete Phänomen ist auch bei indexbezogenen ETFs bekannt geworden.

Umweg ersonnen
Entsprechend ersannen manche Anbieter in den USA einen Umweg. "Statt alle Bestandteile offenzulegen, entwickelten wir eine Art Stellvertreter-Portfolio", erläutert Christopher Lo, Fondsmanager bei Columbia Threadneedle. "Bei diesem ersetzten wir Titel aus dem Portfolio durch andere Wertpapiere, meist andere ETFs." Deren Kursentwicklung sei möglichst nah an der des eigentlichen Wert­papiers dran. "Dies erforderte zwar viel Recherche und Rechnerei, erwies sich aber als praktikable Lösung, mit der die Market Maker und Authorized Participants gut arbeiten und Kurse für den ETF stellen konnten", sagt Lo.

Diese "geradezu elegante Lösung" verfolge das Haus jedoch nicht mehr, berichtet der Portfoliomanager. Die Nachfrage erwies sich als gering. "Nur ein sehr kleiner Teil der in den USA notierten aktiven ETFs ist semi- oder intransparent", sagt Lo. "Wir stellten unseren semitransparenten ETF im Zuge eines Strategiewechsels auf voll transparent um." (ert)


Welche Aussichten Branchenkenner semitransparenten ETFs in Europa einräumen, lesen Sie in der vollständigen Version des Artikels, der in Ausgabe 4/2025 von FONDS professionell erschienen ist. Den Artikel finden Sie nach Anmeldung auch hier im E-Magazin.