Kein Tag ohne neue Meldungen zu Wirecard: Immer mehr Details werden zu den Vorgängen bekannt, die noch am 18. Juni 2020 "nur" als Bilanzskandal angesehen wurden. Mittlerweile scheint sich die Causa Wirecard als Betrugsfall zu entpuppen. Die mutmaßlichen Luftbuchungen sollten offenbar auch Verluste im eigenen Kerngeschäft kaschieren, wie die "Financial Times" (FT) berichtet. In Europa und Amerika sollen die direkt unter Wirecard-Kontrolle stehenden Gesellschaften bereits seit Jahren rote Zahlen verzeichnet haben, schreibt die FT unter Berufung auf Anhänge zur Sonderprüfung durch die KPMG. 

Die Staatsanwaltschaft München ermittelt gegen Ex-Vorstandschef Markus Braun und seinen Vorstandskollegen Jan Marsalek. Dieser gehört mittlerweile zu den meistgesuchten Personen Europas. Seine Spur hat sich derweil verloren. Anders als angenommen soll er sich in den vergangenen Tagen nicht auf den Philippinen aufgehalten haben, wie diverse Medien berichten, darunter die "Süddeutsche Zeitung" (SZ).

"Schutzmechanismen überprüfen und verbessern"
Die lange Zeit unentdeckten Missstände bei Wirecard haben auch zu massiver Kritik an der deutschen Finanzaufsicht Bafin geführt, deren Präsident Felix Hufeld immerhin selbstkritisch Fehler seiner Behörde eingeräumt hat. Die in Bonn und Frankfurt ansässige Bafin hat trotz kritischer Medienberichte in den vergangenen fünf Jahren lange Zeit nicht reagiert und dafür ihre begrenzten Handlungsmöglichkeiten angeführt. Formal war die Bafin nur für einen Teil des Wirecard-Konzerns zuständig. Das soll sich nach dem Willen von Bundesfinanzminister Olaf Scholz nun ändern. Scholz möchte "die Schutzmechanismen überprüfen und verbessern". Die Bafin brauche die Möglichkeit, jederzeit Sonderprüfungen in großem Umfang vorzunehmen. 

"Ich will der Bafin mehr Durchgriffsrechte bei der Kontrolle von Bilanzen geben, unabhängig davon, ob der Konzern eine Banksparte hat oder nicht", sagte Scholz in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" (FAS). "Bislang liegt diese Kontrolle in der ersten Stufe bei der privaten Prüfstelle. Hier muss die Bafin künftig früher eingreifen können", erklärte er. Der SPD-Politiker kündigte ferner an, große international tätige Zahlungsdienstleiter generell unter die Kontrolle der Finanzaufsicht stellen zu wollen, und nicht nur deren Banktöchter.

Rechtliche Hürden für eine umfassende Aufsicht sollen weg
"Ich habe mir für die deutsche EU-Ratspräsidentschaft vorgenommen, dieses Thema voranzutreiben. Rechtliche Hürden, die eine umfassende Aufsicht verhindern, müssen weg", sagte Scholz der FAS. Die Finanzaufsicht könnte zudem personell verstärkt werden. "Wenn wir zu dem Ergebnis kommen, dass die Bafin mehr Geld, mehr Stellen und mehr Kompetenzen benötigt, werde ich mich dafür einsetzen, dass das passiert", erklärte der Bundesfinanzminister.

Der SPD-Politiker hat sich in dem Gespräch auch zu der Rolle der Wirtschaftsprüfer geäußert – und zu möglichen Konsequenzen, da die international tätige Gesellschaft EY die Manipulationen offenbar jahrelang nicht erkannt hat. "Es wird zu diskutieren sein, ob Wirtschaftsprüfer häufiger rotieren müssen, so dass nicht zu lange immer die gleichen Gesellschaften beauftragt werden", sagte Scholz im Interview mit der FAS. "Wenn die einen die Schwachstellen nicht entdecken, gelingt das dann vielleicht den anderen", zitiert ihn die Zeitung.

Skeptisch gegenüber höherer Haftung für Wirtschaftsprüfer
Einer höheren Haftung für die Wirtschaftsprüfer steht er dagegen skeptisch gegenüber. Wenn diese Idee nur als Ausrede dafür diene, sonst nichts zu tun, dann sei das kein kluger Weg. "Wenn solche höheren Haftungen nur zu höheren Versicherungspolicen führen, wäre noch nichts gewonnen", erklärte Scholz. (jb)