Einer der Beschuldigten im Bilanzskandal um den insolventen Zahlungsdienstleister Wirecard hat eine Tatbeteiligung eingeräumt. Es handelt sich um den wegen Betrugsverdachts in Untersuchungshaft sitzenden Ex-Chef der Wirecard-Tochter Cardsystems Middle East. Das berichtet die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf den Anwalt des Managers. Er hatte sich Anfang vergangener Woche den deutschen Behörden gestellt. In Dubai spielte die Cardsystems Middle East eine zentrale Rolle im Asiengeschäft von Wirecard.
 
"Mein Mandant hat sich freiwillig dem Verfahren gestellt und steht – im Gegensatz zu anderen – zu seiner individuellen Verantwortung", zitiert Reuters dessen Strafverteidiger. "Zu den Einzelheiten werden wir uns allerdings ausschließlich gegenüber der Staatsanwaltschaft München äußern”, erklärte der Anwalt der Nachrichtenagentur. Die Münchner Staatsanwaltschaft lehnte eine Stellungnahme gegenüber Reuters ab.

"Strategische" Kredite
Indes werfen auch in Asien vergebene Kredite neue Fragen auf. Diese Darlehen könnten darauf hinweisen, dass die Wirecard Bank im internen Räderwerk des Konzerns eine wesentlich größere Rolle spielte als bisher angenommen. Das berichtet die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) unter Berufung auf den vertraulichen Anhang des Untersuchungsberichtes der Wirtschaftsprüfer von KPMG. Das wiederum bringt die Finanzaufsicht Bafin weiter unter Druck. Die Behörde habe die Bank zwar kontrolliert hat, offenbar aber nur mit geringem Aufwand, schreibt die SZ.

Nach dem Bericht der SZ soll die Wirecard Bank dem Konzern eine "strategische Kreditlinie" in Höhe von 180 Millionen Euro für an Firmen in Asien gewährt haben, die Wirecard nachweislich nahestanden. Diese Kreditlinie habe sich von 2015 an sukzessive entwickelt. Außerdem gehe aus dem Untersuchungsbericht hervor, dass die Kreditvergabe aus "strategischen Überlegungen des Vorstands der Wirecard AG erfolgte". Der Vorstand der Holding soll etwa empfohlen haben, einem Geschäftspartner in Singapur eine Finanzierung zu gewähren.

Offenbar für eigene Zwecke genutzt
Mit anderen Worten: Die Konzernspitze hat die Bank nach den Informationen der Zeitung offenbar für ihre Zwecke genutzt. Damit könnten die Manager aber gegen bankaufsichtsrechtliche Vorgaben verstoßen haben, die die Kreditvergabe regeln. Und die Prüfung derer Einhaltung gehört zum Kerngeschäft der Finanzaufsicht. Immerhin hat die Behörde zwischen 2010 und 2019 mehrere Sonderprüfungen nach dem Kreditwesengesetz durchgeführt. Mögliche Missstände hätten eigentlich auffallen müssen, so die Schlussfolgerung der SZ. Die Aufsicht wollte sich gegenüber der Zeitung nicht dazu äußern.

Die Causa Wirecard und die Rolle der Bafin ziehen auch politisch immer weitere Kreise. Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) hatte nach einem weiteren Bericht der SZ schon im Februar 2019 Kenntnis über den Verdacht auf mutmaßliche Manipulationen bei Wirecard. Bereits am 14. Februar 2019 hatte die Bafin dem Ministerium mitgeteilt, dass sie "wegen mutmaßlicher Marktmanipulation in alle Richtungen" untersuche, so die SZ. Die Zeitung bezieht sich auf einen ihr vorliegenden Bericht des Ministeriums zu den Vorgängen, der dem Bundestag am Donnerstag (16. Juli 2020) übergeben wurde.(jb)