Der spektakuläre Wirtschaftskrimi um den insolventen Zahlungsabwickler Wirecard zieht immer größere Kreise. Nun rückt nach Recherchen des NDR und der "Süddeutschen Zeitung" (SZ) auch die Anti-Geldwäsche-Einheit des Zolls, die Financial Intelligence Unit (FIU), in den Fokus. Die in Köln ansässige FIU soll den beiden Medien zufolge zahlreiche Hinweise auf eventuell strafbare Handlungen von Mitarbeitern der Wirecard-Bank nicht an die zuständigen Strafverfolgungsbehörden weitergeleitet haben.

Wie NDR und SZ berichten, habe die Zollbehörde nach eigener Auskunft rund 1.000 Meldungen zur Wirecard-Bank bekommen. Seit Bekanntwerden des Bilanzskandals beim Wirecard-Konzern Ende Juni 2020 prüfe die FIU diese Hinweise erneut. Dabei konzentriere sie sich speziell auf Verdachtsmerkmale zu Straftaten wie Bilanzfälschung, Betrug, Untreue, Marktmanipulation sowie Insiderhandel. 

Inzwischen 97 Hinweise identifiziert
Bei der erneuten Prüfung seien inzwischen 97 Meldungen identifiziert worden, "die in möglichem Zusammenhang mit den derzeit erhobenen Vorwürfen" gegen Wirecard-Mitarbeiter stehen könnten. Davon soll die FIU nach den Berichten von NDR und SZ zeitnah jedoch nur einen Bruchteil an das Bayerische Landeskriminalamt und an die Staatsanwaltschaft München weitergereicht haben.

Ein Sprecher der FIU habe gegenüber beiden Medien bestätigt, dass die Zollbehörde mittlerweile zwar 50 Hinweise auf verdächtige Handlungen an die zuständigen Strafverfolgungsbehörden weitergeleitet habe, die meisten davon allerdings erst, als der Wirecard-Skandal längst ans Licht gekommen und nicht länger zu leugnen war. Vor Juni 2020 seinen lediglich "zwei Anzeigen der FIU eingegangen", sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft München I dem NDR und der SZ. Beide hätten Ermittlungen ausgelöst.

Immer wieder in der Kritik
Die FIU ist eine Art Spezialeinheit, die Geldwäschemeldungen von Banken, Finanzdienstleistern und Güterhändlern entgegennimmt, prüft und sie gegebenenfalls an Strafverfolgungsbehörden durchleitet. Schon seit Jahren wird jedoch immer wieder der Vorwurf laut, die Behörde reiche solche Hinweise verspätet oder gar nicht weiter.

Im Fall von Wirecard habe die FIU auf Nachfrage erklärt, die Vorwürfe gegen den Konzern stünden nicht im Zusammenhang mit dem Kernauftrag der Behörde, berichten NDR und SZ. Dieser bestehe nämlich darin, Verdachtsmeldungen zu möglichen Fällen von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung entgegenzunehmen und zu analysieren. Mehrere Oppositionspolitiker haben den beiden Medien zufolge angekündigt, den Fall in der nächsten Sitzung des Finanzausschusses des Bundestags intensiv besprechen zu wollen. (am)