Die Causa Wirecard weitet sich immer weiter aus. Jüngst wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft München nicht nur wegen des Verdachts der Bilanzfälschung, sondern auch wegen möglichen Betrugs ermittelt. Nach neuesten Erkenntnissen der Strafverfolger sollen die Unregelmäßigkeiten sogar deutlich früher begonnen haben, als ursprünglich gedacht. So soll sich die Führungsriege des mittlerweile insolventen Dax-Konzerns schon 2014 dazu entschlossen haben, mit erfundenen Einnahmen die Umsätze und Erlöse künstlich aufzublähen. Das berichtet die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) unter Berufung auf Informationen der Ermittlungsbehörde.

Die Staatsanwaltschaft stütze sich bei diesen Annahmen auf zahlreiche interne Unterlagen von Wirecard, schreibt die SZ. So existierten Treuhandkonten, auf denen nach offiziellen Angaben des Konzerns eine Milliardensumme lag, gar nicht. Hinzu kommen dubiose Kredite an Unternehmen in Asien. Ziel der mutmaßlichen Betrügereien sei es gewesen, den Konzern finanzkräftiger und somit attraktiver erscheinen zu lassen, als das tatsächlich der Fall gewesen sei. Die Behörde ermittelt nun gegen Ex-Konzernchef Markus Braun, den früheren Vorstand Jan Marsalek und weitere Manager wegen verschiedener mutmaßlicher Delikte, darunter Bilanzfälschung und Manipulation des Börsenkurses.

Blamage für die Bafin?
Wenn sich die bisherigen Erkenntnisse und Verdachtsmomente der Ermittler als wahr herausstellten, hätten der SZ zufolge alle Aufsichtsorgane und Prüfer ein halbes Jahrzehnt lang nicht bemerkt, was hinter den Kulissen von Wirecard wirklich vorging. Das erhöhe auch den Druck auf die deutsche Finanzaufsicht Bafin – auch wenn deren Präsident Felix Hufeld seine Behörde jüngst vor dem Finanzausschuss des Bundestags energisch verteidigte.

Dabei haben laut der Zeitung einige Medien schon 2016 über Ungereimtheiten bei Wirecad berichtet. Das mündete in ein Eingeständnis der Gesellschaft am 18. Juni dieses Jahres, dass Bankguthaben auf Treuhandkonten in Höhe von insgesamt 1,9 Milliarden Euro "mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht bestehen". Ende Juni kündigte Wirecard an, einen Insolvenzantrag stellen zu wollen. Mittlerweile ist Michael Jaffé von der Münchner Kanzlei Jaffé Rechtsanwälte, der auch über den Container-Anbieter P&R wacht, zum vorläufigen Insolvenzverwalter ernannt worden.

Interesse an Sparten von Wirecard
Trotz all dieser schlechten Nachrichten zeichnet sich aber ein Hoffnungsschimmer für die Angestellten ab: Jaffé zufolge hat eine Vielzahl von Investoren aus aller Welt Interesse am Kerngeschäft beziehungsweise anderen Sparten des Dax-Konzerns. Er äußerte sich bislang aber nicht öffentlich dazu, ob er einen Verkauf der weiterhin solventen Wirecard Bank plant.

Der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge soll die Deutsche Bank ein Auge auf die Banksparte von Wirecard geworfen haben. Sie schreibt unter Berufung auf "informierte Kreise", dass die Deutsche Bank erwägt, die Wirecard Bank komplett oder in Teilen zu übernehmen. Offiziell heißt es vonseiten der Deutschen Bank aber nur, dass sie im Hinblick auf mögliche Stützungsmaßnahmen mit der Bafin, dem Vorstand der Wirecard Bank sowie dem vorläufigen Insolvenzverwalter in Kontakt stehe. (jb)