Die Zinsen schmelzen rascher dahin als das Eis in der Arktis. Für Altersvorsorgeprodukte bleibt diese Entwicklung nicht ohne Folgen, warnt Markus Richert, Seniorberater bei der Vermögensverwaltung Portfolio Concept. So will etwa die Allianz die Verzinsung für ihre rund zehn Millionen Lebensversicherungsverträge im kommenden Jahr zum zweiten Mal in Folge senken. "Die Gesamtverzinsung auf klassische Lebens- und Rentenversicherungen liegt dann bei 2,9 Prozent und damit 0,2 Prozentpunkte niedriger als im laufenden Jahr", sagt Richert. Zum Vergleich: Kurz nach der Jahrtausendwende waren Lebensversicherungen noch mit durchschnittlich 7,15 Prozent verzinst.

Angesichts des Dauer-Zinstiefs hat der Vorsitzende der Deutschen Aktuarvereinigung vorgeschlagen, den Garantiezins für Lebensversicherungen ab 2022 für Neuverträge auf 0,25 Prozent zu senken. Mitte der 1990er Jahre lag er bei vier Prozent. "Auch an dieser Entwicklung lässt sich eindrucksvoll die Zinsschmelze erkennen", sagt Richert. Beitragsgarantien werden ebenfalls allmählich zum Auslaufmodell. Marktführer Allianz hat bereits angekündigt, bei Neuverträgen ab kommendem Jahr nur noch einen Teil der Einzahlungen zu garantieren. Auch bei Riesterverträgen sei eine Abkehr von der Hundert-Prozent-Garantie wahrscheinlich, meint Richert. "Die Lebensversicherung gerät immer stärker unter Druck", kommentiert er.

Kapitalaufbau neu denken
Vorsorgesparer müssen heute höhere Risiken eingehen, um noch eine nennenswerte Rendite erzielen zu können, sagt der Anlageprofi. "Die Nullzinsphase hat sich schon lange zur Minuszinsphase gewandelt." Versicherer verkaufen seit einigen Jahren immer mehr Produkte mit eingeschränkter Garantie. Allein bei der Allianz waren mehr als 90 Prozent der zuletzt neu abgeschlossenen Policen nach diesem Muster entworfen. 

Immerhin wurden Kunden, die bereit waren, auf die Garantie zu verzichten, in den vergangenen Jahren für ihr höheres Risiko auch entsprechend belohnt, berichtet der Portfolio-Concept-Experte: "Sie erhielten jeweils eine leicht höhere Rendite als beim klassischen Garantieprodukt." Wenn mehr Sparer dazu bereit sind, für auskömmliche Renditen ein höheres Risiko einzugehen, und Versicherer ohnehin immer mehr Garantien streichen, könnten Policen ohne Beitragsgarantie Schule machen. Richert ist überzeugt: "In einer Welt ohne positiven Nominalzins müssen die Altersvorsorge und der Kapitalaufbau neu gedacht werden." (fp)