Nachhaltigkeit gewinnt bei der Geldanlage an Bedeutung. Dies zeigt eine Umfrage unter Bankberatern durch das Marktforschungsinstitut Ipsos im Auftrag von Union Investment, die FONDS professionell ONLINE vorliegt. Demnach gehen 65 Prozent der Teilnehmer davon aus, dass innerhalb der nächsten zwölf Monate das Interesse an nachhaltigen Investments deutlich größer wird. Auf Sicht von fünf Jahren erwarten sogar 90 Prozent der befragten Berater eine zunehmende Nachfrage unter Privatanlegern.

Die Erwartung einer steigenden Nachfrage geht offenbar mit einem hohen Aufklärungsbedarf einher. So stuften 40 Prozent der Befragten die Kenntnisse der Kunden in punkto Nachhaltigkeit als gering ein. Auch ihre eigenen Kenntnissen über ökologische und soziale Aspekte der Geldanlage sowie Fragen der guten Unternehmensführung (ESG) schätzen die Bankberater als ausbaufähig ein. 53 Prozent sehen innerhalb der Banken einen hohen oder sehr hohen Schulungsbedarf diesbezüglich.

Abfragepflicht unbekannt
Viele scheinen auch in der Diskussion um die Aufnahme von nachhaltigen Kriterien in die Finanzwelt den Überblick verloren zu haben: So gaben 48 Prozent an, dass ihnen noch nicht bekannt sei, dass sie voraussichtlich ab Ende 2021 Beratungskunden verpflichtend nach ihren Nachhaltigkeitspräferenzen fragen müssen. Und sogar 95 Prozent der Teilnehmer kennen den EU-Aktionsplan für eine nachhaltige Ausrichtung des Finanzwesens nicht oder nur sehr ungenau. Zugleich beklagen die Teilnehmer eine fehlende, einheitliche Definition sowie die hohe Komplexität bei dem Thema.

Die Bedeutung der Nachhaltigkeit konzentriert sich der Umfrage zufolge auf ökologische sowie ethische und soziale Aspekte. Fragen der guten Unternehmensführung sehen die Teilnehmer noch als eher nachrangig. "Nachhaltigkeit verbinden die meisten mit Ökologie, aber die ökonomische Wirkung wird vor allem von Privatanlegern noch unterschätzt", kommentiert Union-Investment-Chef Hans Joachim Reinke die Ergebnisse.

Anja Bauermeister, Abteilungsleiterin Publikumsfonds bei Union Investment, ergänzt: "Allein das steigende Interesse privater Anleger an Nachhaltigkeit führt noch nicht zu einer eingehenden Auseinandersetzung mit diesem vielschichtigen Begriff." Hier sei eine Übersetzungsleistung in der Anlageberatung gefragt. "Nur durch eine gezielte Ansprache der Berater wird immer mehr Menschen bewusst, welchen Nutzen Nachhaltigkeit bei der Geldanlage stiften kann", meint Baumeister.

Sicherheit geht vor
Trotz des steigenden Interesses für Nachhaltigkeit legen Privatanleger nach wie vor auf herkömmliche Tugenden wert, zeigt die Untersuchung. Auf die Frage nach dem wichtigsten Anlagekriterium ihrer Kunden entfielen 60 Prozent der Nennungen auf Sicherheit, deutlich vor Rendite mit 24 Prozent und Liquidität mit sechs Prozent.

Erst bei der Frage nach dem zweitwichtigsten Anlagekriterium rangiert Nachhaltigkeit mit 17 Prozent der Nennungen gleich auf mit der Liquidität (21 Prozent) und Sicherheit (20 Prozent). An der Bedeutung der Nachhaltigkeit hat sich durch die Covid-19-Pandemie wenig geändert, wie die Nachbefragung ergab. Lediglich der Aspekt der Liquidität kletterte bei der Frage nach dem wichtigsten Anlagekriterium deutlich von sechs auf 13 Prozent. (ert)


Über die Studie: Die Marktforscher von Ipsos befragten 301 Anlageberater von Genossenschaftsbanken, Sparkassen und privaten Geschäftsbanken. Die Befragten verteilten sich ungefähr gleich auf die drei Institutsgruppen. Die vom zentralen Fondsanbieter der Volks- und Raiffeisenbanken initiierte Umfrage fand von Dezember 2019 bis Februar 2020 statt. Im April und Mai schob Ipsos noch eine Nachbefragung unter 75 Beratern hinterher, um Eindrücke durch die Coronakrise einzufangen.