Der Freiburger Uni-Professor Bernd Raffelhüschen prägt seit Jahrzehnten die wissenschaftliche Diskussion zur Rentenpolitik in Deutschland mit. Schade, dass die Politik offenbar meist nicht richtig zugehört hat. Sonst wäre den Rentenzahlern und künftigen Rentnern womöglich das ein oder andere Problem erspart geblieben, das sie noch lange beschäftigen dürfte. Beim Interview mit FONDS professionell ist Raffelhüschen jedenfalls rasch bei verpassten Gelegenheiten, demografischen Gesetzmäßigkeiten und unangenehmen Wahrheiten.

Nicht finanzierbare Rentensituation
Aktuell erarbeitet eine von der Bundesregierung einberufene Rentenkommission Vorschläge für eine grundlegende Rentenreform, die bis Jahresmitte vorgelegt werden sollen. Dass Raffelhüschen nicht in die Kommission berufen wurde, hat ihn nicht sonderlich überrascht, schließlich hatte er als Vorstand der Stiftung Marktwirtschaft mit einer Unterschriftenaktion die Regierung zum Zurückziehen des jüngsten Rentenpakets aufgefordert.

Die deutschen Regierungen würden ohnehin erst einmal dazu neigen, Ratschläge der Wissenschaft zu ignorieren, so Raffelhüschen. Als Ausnahme nennt er Gerhard Schröder, der als Bundeskanzler mit der Agenda 2010 umfassende Arbeitsmarktreformen und die laut Raffelhüschen "mutigste Rentenreform der bundesdeutschen Geschichte" umgesetzt hatte. Danach habe dann aber die Zeit des Geschenkeverteilens begonnen: Erst mit der Regierung Merkel, dann unter Scholz. "Und jetzt, mit der Regierung Merz, stehen wir wieder an dem Punkt, wo wir vor Schröder standen: nämlich vor einer nicht finanzierbaren Rentensituation“, sagt der Rentenexperte.

Prognosen mit 100 Prozent Eintrittswahrscheinlichkeit
Dabei sei nichts an der aktuellen Situation eine Überraschung, so Raffelhüschen: "Wir Wissenschaftler sprechen ja selbst auch gar nicht von Prognosen, sondern von Projektionen." Die Ursachen der kommenden demografischen Entwicklung würden ja weit in der Vergangenheit liegen. "Wir können die Bevölkerungsentwicklung kurzfristig nicht mehr ändern", sagt der Wissenschaftler: "Wir wissen bereits heute, dass 2035 alle geburtenstarken Jahrgänge aus dem Erwerbsleben raus sind." 

2040 kulminiere das Problem bei doppelt so vielen Rentnern wie heute: "Wenn es gut läuft, haben wir dann noch etwa 80 Prozent der heutigen Zahl an Erwerbstätigen – läuft es schlecht, sind es nur 60 bis 70 Prozent." Das Verhältnis zwischen denen, die in die Rentenkasse einzahlen, und den Rentenempfängern stehe damit schon fest: "Wenn die Eintrittswahrscheinlichkeit bei 100 Prozent liegt, ist das keine Prognose", sagt Raffelhüschen.

Das so wenig echte Reformen umgesetzt werden, liegt seiner Meinung nach an der Bedeutung der älteren Wählergruppen: "Der Medianwähler in Deutschland ist über 55 Jahre alt, diese Klientel ist enorm wichtig für die meisten Politiker, und man möchte ihnen auf keinen Fall zu viel zumuten", sagt Raffelhüschen. Das sei zwar politökonomisch logisch, aber volkswirtschaftlich und auch in Bezug auf die Generationengerechtigkeit falsch.

Deutliche Erhöhung des Renteneintrittsalters
Seine Kernforderung: eine deutliche Erhöhung des regulären Renteneintrittsalters, um die gestiegene Lebenserwartung zu berücksichtigen. In den 1960er und 1970er Jahren habe die durchschnittliche Rentenbezugsdauer zehn Jahre betragen. Raffelhüschen: "Dafür haben die damaligen Rentner 45 Jahre gearbeitet, sie haben für jedes Rentenjahr also viereinhalb Jahre eingezahlt." 

Die heutigen Rentner hätten aber zum einen nicht 45, sondern nur 40 Jahre gearbeitet, zugleich würden sie nicht für zehn, sondern für 20 Jahre Rente beziehen: "Das heißt, sie haben für ein Rentenbezugsjahr nur zwei Jahre gearbeitet." Doch die deutschen Regierungen hätten die Einführung eines Lebenserwartungsfaktors nicht umgesetzt, der das Rentenzugangsalter an die Lebenserwartung angepasst hätte. Im Gegensatz zu Ländern wie Schweden und Norwegen.

"Wir müssen nachholen, was wir verpasst haben", sagt Raffelhüschen. Den Vorschlag einer Rente mit 70 hält er für richtig: "Wer die massive Zunahme der Lebenserwartung von 1990 bis heute verstreichen lässt, ohne etwas zu tun und ohne das nachzuholen, der ist auf der Linie, die Kanzler Merz jetzt einschlägt. Erst bleibt mal alles, wie es ist, und wenn wir den Lebenserwartungsfaktor einführen, dann erst nach 2035." Für Menschen, die früher in Rente gehen, fordert er deutlich höhere Abschläge von 0,4 oder 0,5 Prozent pro Monat. (jh)


Ausgewählte Aussagen aus dem Gespräch mit Bernd Raffelhüschen finden Sie in der Bilderstrecke oben – einfach durchklicken! Das vollständige Interview lesen Sie in FONDS professionell 1/2026 ab Seite 258 oder nach Anmeldung hier im E-Magazin.