Statt im Flieger von einem Termin zum nächsten quer durch Europa zu reisen, steuert Peter Scharl nun die Geschäfte von Blackrock von zu Hause aus - per Videokonferenz. Scharl verantwortet den gesamten Retailvertrieb des Fondsriesen in Deutschland, Österreich und Osteuropa und ist Leiter des Wealth-Bereichs für die Region Europa, Nahost und Afrika (EMEA) bei dem Passiv-Ableger iShares. Im Interview mit FONDS professionell ONLINE erläutert er, wie das Haus und die Kunden mit der Situation klarkommen.


Herr Scharl, die Ausbreitung der Lungenkrankheit Covid-19 legt weltweit den Betrieb in vielen Unternehmen lahm. Wie geht Ihr Haus damit um?

Peter Scharl: Blackrock hat seine Teams in zwei Gruppen eingeteilt, die sich nicht begegnen. Aber letztendlich sind nahezu alle Mitarbeiter weltweit im Homeoffice.

Wie funktioniert die Arbeit von zu Hause aus?

Scharl: Ich war positiv überrascht, wie glatt in unserer Organisation der Übergang in die Arbeit aus dem Homeoffice heraus gelang. Das gilt aber nicht nur für Blackrock, sondern auch für die Finanzindustrie insgesamt. Vor wenigen Monaten hätte sich kaum jemand vorstellen können, dass eine Pandemie das öffentliche Leben und damit die Wirtschaft zum Stillstand bringt. Angesichts des Ausmaßes dieser Entwicklung wären noch ganz andere Auswirkungen zu befürchten gewesen. Doch der gesamte Betrieb unserer Fondsplattform lief reibungslos weiter.

Sie arbeiten selbst auch von zu Hause aus?

Scharl: Ja, und das ist anstrengender als ich dachte. Ich sitze von morgens früh bis abends vor dem Tablet oder Rechner und wohne einer Videokonferenz nach der anderen bei. Vor Corona war ich zwar viel unterwegs, doch ergaben sich zwischendurch immerhin mal ein paar kurze Ruhepausen, etwa im Flieger.

Wie reagieren Ihre Kunden auf die Lage?

Scharl: Auch den meisten Kunden und Vertriebspartnern gelang meiner Beobachtung nach die Umstellung gut. Viele Gespräche und Konferenzen laufen über Telefon und Video. Die institutionellen Kunden sehen die Marktentwicklung relativ gelassen. Insbesondere die Pensionskassen und Versicherungen hatten ihr Overlay-Management, an dem sie nichts wesentlich verändert haben. Auch unter den Retail-Anlegern ist keine Panik aufgekommen. Dafür ging der Kurseinbruch an den Märkten und die anschließende, anfängliche Erholung vielleicht zu schnell.

Die Retail-Anleger ignorierten also den Kurseinbruch?

Scharl: Nein, nicht völlig. Einige Selbstentscheider haben den Rückgang sogar genutzt, um zu kaufen. Das sehen wir auch beim Mittelaufkommen. Gerade die Online-Broker verzeichnen einen hohen Zuspruch. In den letzten Wochen meldeten einzelne Anbieter bis zu 2.000 Neueröffnungen von Depots – pro Tag.

Dennoch verbuchten Fonds in Europa hohe Mittelabflüsse.

Scharl: Die Asset Allokatoren und Asset Manager haben Risiken vom Tisch genommen. Hier waren ETFs das Mittel der Wahl. Das zeigte sich in Mittelabflüssen, besonders bei Anleihen, aber auch bei Aktien. Die Abzüge haben aber aktive Fonds ebenso betroffen. Nach einem Rekordstart ins Jahr 2020 verbuchten wir als größter Anbieter im ersten Quartal 2020 weltweit 18,7 Milliarden Dollar an Mittelabzügen. Wichtig ist, dass Kunden auch in solchen Markphasen positive Erfahrungen mit den Produkten machen - und sie daher als Anleger auch wieder zurückkehren. Aufgrund von Zuflüssen in unser Cash-Geschäft sahen wir im gleichen Quartal insgesamt globale Nettomittelzuflüsse in Höhe von 35 Milliarden Dollar. Auch im aktiven Bereich haben wir Produkte, die stark von den Kunden nachgefragt werden – derzeit besonders der World Health Science Fund.

Wie reagieren Sie im Vertrieb auf die Pandemie und ihre Folgen?

Scharl: Vertriebsseitig haben wir uns sofort auf die Lage eingestellt. Wir starteten Videokonferenzen und Webinare, die sich mit den makroökonomischen Auswirkungen der Pandemie und dem Ausblick für die Finanzmärkte beschäftigten. Um Produkte ging es da in erster Linie gar nicht. Martin Lück als unser Chefanlagestratege war pausenlos im Einsatz. Zweitens habe ich meine Sales-Mitarbeiter direkt in den ersten Tagen darauf eingeschworen, dass wir uns weniger als Vertriebsteam, sondern als Psychologen verstehen sollten. Es ging mir darum, die Kunden an die Hand zu nehmen, sofern sie das wollten. Wir sehen uns als Begleiter bei Problemen, die sich in so einer Ausnahmesituation stellen. Manche Kunden waren etwa anfangs technologisch nicht so gut aufgestellt, um das Geschäft vollständig auch außerhalb der Büroräume abzuwickeln. Andere begleiteten wir dabei, möglichst schonend Positionen in ihren Portfolios umzustellen.

Wird sich Ihr Geschäft wegen Corona dauerhaft ändern?

Scharl: Letztendlich bleiben wie unserer Strategie treu. Klar tut es weh, wenn man als größte Anbieter Mittelabzüge verzeichnen muss. Aber die Vergangenheit hat gezeigt, dass hochvolatile Marktphasen dem ETF-Geschäft letztendlich stets geholfen haben. Auch im aktiven Bereich werden wir konkurrenzfähige Produkte bieten. Weiterhin finde ich es bemerkenswert, dass im Bereich der Alternatives unsere Kunden keine Geschäfte auf Eis gelegt haben. Alle vereinbarten Deals wurden eins zu eins weiterverfolgt. Das zeigt, welchen langfristigen Horizont die Anleger hier haben.

Welche Lehre ziehen Sie aus der Coronakrise?

Scharl: Krisen gab es immer wieder. Und es gilt sicherlich, auch aus dieser Lehren zu ziehen. Eine ist, dass der Trend zu ESG-Investments noch verstärkt wird. Denn Unternehmen mit einer guten ESG-Bewertung kamen besser durch diese Phase. Dementsprechend richten wir unser Produktangebot noch stärker darauf aus. Die zweite Lehre ist, dass der digitale Vertrieb funktioniert und an Bedeutung gewinnen wird. Nach der Pandemie wird sich die Frage stellen, welche physischen Treffen noch wirklich notwendig sind. Natürlich werden auch künftig persönliche Begegnungen noch von Bedeutung sein. Aber wir alle werden genauer abwägen, ob es wirklich nötig ist, ins Auto, den Zug oder den Flieger zu steigen.

Vielen Dank für das Gespräch. (ert)