André Bajorat, Rafael Otero und Jochen Siegert sind ausgewiesene Fintech-Experten. Bajorat führte das Bezahlsystem Giropay bei der Sparkassengruppe ein, 2014 übernahm er den Chefposten bei Figo, einem Anbieter von Schnittstellenlösungen für das digitale Banking. Otero gründete unter anderem Payleven, Siegert war Geschäftsführer von Finleap, Traxpay und anderen Start-ups. Mittlerweile arbeiten alle drei bei der Deutschen Bank. Außerdem betreiben sie weiterhin gemeinsam mit zwei Kollegen den in der Branche angesehenen Blog "Payment & Banking".


Viele Fintechs verkünden erfolgreiche Finanzierungsrunden und bemessen daran den Wert ihres Unternehmens. Finden Sie alle Bewertungen gerechtfertigt in einer Zeit, in dem Anlagegeld reichlich vorhanden sind? Der Zahlungsdienstleister Checkout.com wurde beispielsweise jüngst mit unglaublichen 15 Milliarden US-Dollar bewertet.

Rafael Otero: Gegenfrage: Glaube ich, dass Tesla so viel wert ist wie alle großen Automobilhersteller zusammen? Die Frage ergibt so nicht viel Sinn. Bewertungen sind immer eine Funktion von Angebot und Nachfrage. Wo soll ich im negativen Zinsumfeld denn noch investieren? Außerdem bergen die hohen Bewertungen auch eine Gefahr: Man muss in sie hineinwachsen. Die nächste Bewertung muss für die Investoren und auch für den Unternehmer höher sein, damit es noch Spaß macht. Also geht die Messlatte immer höher.

André Bajorat: Ich gebe Ihnen Recht, es gibt einige irrationale Bewertungen. Es stellt sich auch die Frage, was bei diesen Bewertungen ein zukünftiger Exit-Kanal sein kann. Ein Beispiel ist die im Januar wegen kartellrechtlicher Einwände gescheiterte Übernahme des Fintechs Plaid durch das Kreditkartenunternehmen Visa. Eventuelle zukünftige Käufer werden für das Unternehmen wohl niemals so viel zahlen, wie es Visa aufgrund des "strategischen Fits" bereit war zu zahlen. Gute Geschäftsmodelle können derzeit wie verrückt Geld einsammeln, daran hat auch Covid nichts geändert. Das Geld wird den Leuten teilweise hinterhergeworfen.

Herr Bajorat, Sie gelten als ausgewiesener Retailexperte, sind jetzt aber im Firmenkundenbereich der Deutschen Bank angesiedelt. Warum?

Bajorat: Ich setze die Erkenntnisse, die ich in den vergangenen 20 Jahren im Retailsegment gesammelt habe, jetzt bei den Firmenkunden um. Im Retailbereich gab es Anwendungsfälle, die jeder verstanden hat. So kann man beispielsweise die Digitalisierung des Frontends komplett auf die Corporate-Schiene übertragen. Der Treasurer, der bisher der Zahlendreher im Keller war, hat auch keinen Bock mehr, schlechte Produkte zu nutzen. Da besteht ein großes Potenzial für uns. Wobei das Corporate-Geschäft komplexer ist.

Viele Fintechs stürzen sich gegenwärtig auf den Zahlungsverkehr. Auch für Banken scheint dieses Segment aktuell der Heilsbringer zu sein. Ist der Bereich "Payments" aufgrund der hohen Wettbewerberdichte überhaupt noch attraktiv?

Bajorat: Der Zahlungsverkehr ist nur ein Startpunkt. Es stecken aber unendlich viele Möglichkeiten darin. Das war auch der Grund für mich, in die Bank zu gehen. Der Großbereich Zahlungsverkehr ist total unterdigitalisiert. Die Zahlungen waren zwar digitalisiert, aber die verschiedenen Datentöpfe waren nicht miteinander verbunden, um ein zufriedenstellendes Treasury-Management oder Cashflow-Prognosen erstellen zu können.

Was verändert sich derzeit im Markt der großen Unternehmenskunden? Und wie kann die Digitalisierung den Instituten dabei helfen, damit umzugehen?

Otero: Corporate Banking war seit jeher das Geschäft mit den wenigen multinationalen Kunden, also mit den Großkonzernen oder der alten Deutschland AG, die man kannte. Gegenwärtig ergibt sich jedoch ein anderes Bild: Große multinationale Unternehmen sind nicht mehr ein Konzern, sondern zerfallen immer mehr zu vielen kleinen Einheiten, die aber immer noch als ein Konzern betrachtet werden wollen. Also: Ich fange mit 10.000 Unternehmenskunden an und die zersplittern jetzt zu einer Million Kunden. Das erfordert ein anderes Vorgehen, für das die Bank nie gebaut wurde. Da muss ich skalieren können, was sich nicht immer einfach darstellt, aber für einige wenige etablierte Großbanken aufgrund der vorhandenen Rahmenbedingungen und des erworbenen Vertrauens möglich ist.

Gibt es überhaupt noch Bankbereiche, die immun gegen die Angriffe von Fintechs sind?

Jochen Siegert: Es gibt keinen Bereich der Bank, in dem es nicht zumindest Versuche gibt, Digitalisierung und Innovation rein zu bringen, um Produkte und Prozesse besser zu machen. Mir fallen beispielsweise Start-ups ein, die im Investmentbanking bei strukturierten Finanzierungen für Automatisierung sorgen und sogenannte Special Purpose Vehicle erstellen. Das ist ein sehr kostenintensiver, manueller Aufwand innerhalb der Bank, da können Fintechs unterstützen. Für die Institute sind die Start-ups eine wunderbare Möglichkeit zu schauen, was es alles auf dem Markt gibt und was dort funktioniert oder nicht. Egal ob im In- oder Ausland: Da draußen steht ein kostenfreies Testlabor für die Banken.

Herr Siegert, in der Deutschen Bank bauen Sie ein ganz neues Geschäftsfeld auf. Sie beschäftigen sich dort mit nutzungsbasierten Finanzierungen? Was versteht man darunter?

Siegert: Viele Geschäftsmodelle drehen sich gegenwärtig von "Capex" zu "Opex", also weg von den Investitions- und hin zu den Betriebsausgaben. Das bedeutet: Ich kaufe nicht ein Gut, sondern nutze es nur temporär und zahle dafür einen laufenden Betrag. Beispiele sind Carsharing oder die Mietroller, die am Straßenrand stehen. Bei den zugrundeliegenden Finanzierungen sind unter anderem Eigentums- und Haftungsfragen zu klären. Die nutzungsbasierte Finanzierung kann sich neben dem klassischen Kauf auf Kredit und dem mietfinanzierten Leasing zu einem dritten Standbein im Aktivgeschäft der Bank entwickeln.

Vielen Dank für das Gespräch. (mh)


Ein ausführliches Interview mit André Bajorat, Rafael Otero und Jochen Siegert ist in Ausgabe 1/2021 von FONDS professionell erschienen, die den Abonnenten in diesen Tagen zugestellt wird. Angemeldete Nutzer können den Beitrag auch hier im E-Magazin lesen.