DIW-Chef Fratzscher: Warum Deutschland jetzt Gold verkaufen sollte
Steigende Preise, geopolitische Risiken und knappe Kassen: DIW-Chef Marcel Fratzscher bringt einen ungewöhnlichen Vorschlag ins Spiel – Deutschland solle einen Teil seiner Goldreserven verkaufen.
In einem Interview mit dem Nachrichtenportal "T-Online" spricht sich DIW-Chef Marcel Fratzscher für einen möglichen Verkauf deutscher Goldreserven aus. Angesichts der aktuellen Krisenlage sei dies ein sinnvoller Schritt, um finanzielle Spielräume zu schaffen.
"Deutschland sollte darüber nachdenken, einen Teil seiner Goldreserven zu verkaufen", sagt Fratzscher. Die Bestände hätten aktuell einen Wert von rund 440 Milliarden Euro und stellten "ein riesiges Sparschwein für Krisen" dar.
"Wunderbarer Zeitpunkt"
Wie Fratzscher im Gespräch erläutert, seien die Goldpreise derzeit auf Rekordniveau. Das eröffne eine günstige Gelegenheit für einen Teilverkauf. "Nach diesen Goldrekorden wäre jetzt ein wunderbarer Zeitpunkt, zumindest einen Teil zu verkaufen."
Die Erlöse könnten gezielt eingesetzt werden – etwa zur Entlastung von Bürgern und Unternehmen oder für Investitionen in Bildung und Infrastruktur. Es sei sinnvoller, Kapital produktiv zu nutzen, als es "im Safe der New Yorker Fed" zu lagern.
Erneute Aussetzung der Schuldenbremse notwendig
Im "T-Online"-Interview verweist Fratzscher auf die wachsenden finanziellen Belastungen durch geopolitische Krisen und steigende Energiepreise. Sollten sich diese Entwicklungen fortsetzen, drohten sinkende Steuereinnahmen und steigende Ausgaben.
Vor diesem Hintergrund hält er auch eine erneute Aussetzung der Schuldenbremse für notwendig. "Nur so verhindern wir Schlimmeres", warnt der Ökonom. Alternativen wie Steuererhöhungen seien in der aktuellen Lage wirtschaftlich kontraproduktiv.
Umdenken bei Tabu-Thema
Der Vorschlag eines Goldverkaufs gilt in Deutschland traditionell als politisch heikel. Fratzscher sieht hier jedoch ein Umdenken als notwendig an. "Es war bisher immer ein Tabu – mit dem wir aber nun endlich brechen sollten."
Allerdings gebe es praktische Hürden: Die Goldreserven werden von der Bundesbank verwaltet. Selbst die Bundesregierung könne nicht ohne Weiteres darüber verfügen.
Anstieg der Lebensmittelpreise "um mehr als 20 Prozent realistisch"
Neben der Gold-Debatte warnt Fratzscher auch vor weiter steigenden Preisen. Lebensmittel könnten sich in den kommenden Jahren deutlich verteuern, auch infolge geopolitischer Spannungen wie im Nahen Osten.
"Die Lebensmittelpreise könnten um mehr als 20 Prozent steigen, das halte ich für realistisch", sagt er. Bereits in den vergangenen Jahren seien die Preise im Schnitt um knapp ein Drittel gestiegen.
Déjà-vu mit Ölpreisschocks der 1970er Jahre
Fratzscher sieht die Politik und die Märkte zu optimistisch. "Wir sind zu optimistisch – und weder Unternehmen noch Politik sind vorbereitet", erklärt er im Gespräch mit "T-Online". Die aktuellen Entwicklungen erinnerten in Teilen an frühere Krisen, etwa die Ölpreisschocks der 1970er Jahre.
Gleichzeitig betont er die sozialen Folgen steigender Preise: Besonders einkommensschwache Haushalte seien stark betroffen. Die Politik müsse daher gezielter entlasten. (mb)















